künstlerischen System verändert, um eine optisch bildhafte Wirkung zu
erzielen: die Kalligraphie hatte ihre Eigenberechtigung neben anderen
künstlerischen Arbeiten erreicht.
Um die Jahrhundertwende aber kam eszueinerentscheidenden Verände
rung, indem die Meister bildender Kunst die Schrift als wirksames dekora
tives Motiv wiedererkannten „und sie verwenden sie auf ihren Hauptwer
ken mit dem gleichen künstlerischen Ernst und Können, mit welchem sie
die Werke selbst schaffen. Es gibt heute wieder eine künstlerische Schrift“.
Soweit Rudolf von Larisch, Lehrer von Robert Haas.
Rudolf von Larisch (1856-1934), seit 1902 Schriftlehrer an der Kunstge
werbeschule in Wien, war für das Schriftwesen Österreichs von ebensol
cher Bedeutung wie Eduard Johnston für England und Rudolf Koch für
Deutschland. Wie viele der Reformen des modernen Kunsthandwerkes
nahm auch die neue, durchgreifende Schriftbewegung von England ihren
Ausgang. William Morris und Cobden Sanderson haben in ihrem Bestre
ben nach Verbesserung der Drucktypenformen bereits den Boden für eine
Erneuerung der Schreibkunst geschaffen, der dann insbesondere Eduard
Johnston durch Zurückgreifen auf die besten Schriftmuster der Vergan
genheit und durch gründliche technische Schulung eine gesicherte
methodische Grundlage zu geben versuchte (Hans von Ankwicz-Kleeho-
ven).
Johnston’s 1906 erschienenes Handbuch „Writing - llluminating - Lette
ring“ war für den Kontinent von nachhaltigem Einfluß, ohne aber die end
gültige Trennung von Kalligraphie und Schreibkunst zu bedingen.
Der Begriff der ornamentalen Schrift, der künstlerischen Schrift und ihre
endgültige Trennung von der Kalligraphie wurde, im Gesamtbereich des
österreichischen Jugendstiles, von Rudolf von Larisch bestimmt. In der
Formgebung der einzelnen Buchstaben war ihm deren dekorative Wirkung
wichtiger, als ihre Leserlichkeit. „Was ist’s aber, wenn ein Künstler in
bestimmten Verwendungen auf Kunstwerken gar nicht die Absicht hat,
brutal leserlich zu wirken, wenn er sogar wünscht, daß die Schrift nicht
sofort gelesen werde... sondern im Gegenteile den Beschauer zum Enträt
seln zwinge, ihn beschäftige, ihn fessle?“ (Rudolf von Larisch, Über Leser
lichkeit von ornamentalen Schriftarten.) Larisch hielt die Pflege dekorativ
und streng geformter Schriften neben der Handschrift des Alltags für not
wendig. Rhythmisches Ordnen und Aufbauen des Buchstabens, die
„Musik des Schreibens“ empfand er als Quelle des Glücks.
Die Leitung des Österreichischen Museums veranstaltete anläßlich des
70. Geburtstages von Rudolf von Larisch im Jahre 1926 eine „Internationale
Ausstellung moderner künstlerischer Schrift“ in deren Mittelpunkt natur
gemäß das Werkdes Meisters und dasseiner Schulestand. An dieser Aus
stellung war auch Robert Haas mit einer Reihe von Arbeiten vertreten,
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