VORWORT
Ausschlaggebend für die in der Bibliothek des Österreichischen Museums für
angewandte Kunst zusammengestellte Ausstellung des historischen und des zeitge
nössischen Bucheinbandes war die Anregung von Frau Miroslava Symon, die sich in
Hinblick auf den vom 25. Juli bis 2. August 1980 in Wien stattfindenden 9. Inter
nationalen Kongreß des World Crafts Council dafür einsetzte, daß auch der
künstlerische Bucheinband unserer Zeit in entsprechender Weise repräsentiert
werde. In gemeinsam geführten Gesprächen erkannten wir, daß das künstlerische
Handwerk des Buchbindens einerseits durch den immer mehr um sich greifenden
raschen Bindeauftrag unserer Zeit, durch Paperback und industrielle Fertigung der
ernsten Gefahr des Ersterbens ausgesetzt ist, andererseits, daß genügend Künstler da
sind, die sich dafür einsetzen, diesem zu widersprechen und Einbände unter Verwen
dung langtradierter, oftmals von ihnen modifizierten Techniken, in moderner Form
zu schaffen. Frau Symon ist zu danken, daß sie die Namen und Adressen der heute
international tätigen Buchbinder herausfand und über den Austrian Crafts Council
diese anschreiben konnte mit der Bitte um Beteiligung. Leider haben nicht alle Ange
sprochenen reagiert, sodaß es uns nicht gelungen ist, eine wohlausgewogene Über
sicht zu geben. Umso mehr muß an dieser Stelle jenen Kunstschaffenden aus aller Welt
gedankt werden, die sich spontan entschieden, ihre Arbeiten für die Ausstellung ein
zusenden und uns somit die Möglichkeit gaben, sinnfällig darzustellen, daß auch heute
der Bucheinband von wesentlicher Bedeutung ist. Wir haben uns entschieden weit
gehend alle eingesandten Arbeiten auszustellen, um die Vielfalt internationaler
Bestrebungen zur Wiederbelebung des künstlerischen Bucheinbandes zu erweisen.
Um zu zeigen, daß die Intentionen all derer, die in diesem angewandten Kunsthand
werk tätig sind, ebenso stark historistisch sein können, als auch sich auf technische Per
fektion beschränkend, oder verbindlich traditionell wie auch ganz dem Experimen
tellen, auffallend Originären verhaftet.
Eigentliche Aufgabe und Erfüllung der Ausstellung sollte sein, neue Motivationen
und Impulse zur Wiederbelebung dieses Handwerkes zu geben. Wie am histori
schen Beispiel gezeigt, waren es zumeist Mäzene und Bibliophile, die Aufträge zu
kostbaren, zu besonderen, zu ihrer Zeit gemäßen „modernen“ Einbänden gaben.
Warum also unterwerfen wir uns heute bei der Beschaffung des Gästebuches, des
Terminkalenders, des Tagebuches oder selbst des Telephonbuches bis hin zu dem
besonders geschätzten literarisch interessanten oder jedem Einzelnen von uns wert
vollem Buche der industriellen Massenproduktion? Vorgefertigte Ware ohne Bezug
auf den Eigentümer? Die Ausstellung soll anhand der historischen Tradition zeigen,
wie breit auch heute das Spektrum künstlerisch tätiger Menschen gestreut ist, die
individuellen Ansprüchen in hervorragender Weise genügen können. Sie soll aussa-
gen, daß es überall in der Welt kunsthandwerklich tätige Menschen gibt, die geistiges
Gut — sei es nun ein literarischer Text, oder ein auf den Auftraggeber bezogener
Band, ja auch eine freie Erfindung, die den Erkennenden sucht — zu gestalten und zu
formen wissen.
Das Handwerk des Buchbindens, der künstlerische Bucheinband lebt weiter, führt
überkommene Tradition fort und verselbständigt sich. In der Auseinandersetzung
mit industrieller Fertigung und Massenware wird er als selbständige kunsthand-
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