MAK

Full text: Das Kaiserlich Königliche Österreichische Museum für Kunst und Industrie, 1864 - 1914

nicht eingedrungen feien, fo find fie daran unfchuldig und oft haben fie felbft es beklagt, 
daß ihre Arbeit, ihr Eifer im Reformieren und Neuaufbauen der künftlerifchen Kultur ihrer 
Tage in jene unglückfelige Epoche des fogenannten volkswirtschaftlichen Auffchwunges 
gefallen find, die foviel Großmannsfucht, Oberhebung, falfchen Schein und Prunk 
mit (ich gebracht, foviel überkommene fittliche Werte zerftört und alles dazu bei 
getragen hat, eine Fortbildung der beften heimifchen Überlieferungen für lange Zeit 
hinaus unmöglich zu machen. Ihr Verdienft, das niemand ihnen nehmen kann und 
will, befteht darin, daß fie bei der Erneuerung alter Formen und Ausdrucksweifen, 
bei ihrem Bemühen, das Leben in die reichen Farben alter Zeit zu kleiden, eine 
Fülle verlorengegangener Kunfttechniken wieder heraufgebracht und, erfüllt von den 
tiefen Erkenntnilfen eines Gottfried Semper, den Weg gewiefen haben, auf welchem 
eine Stilbildung aus Material, Technik und Zweckbeftimmung heraus wie in alten 
Zeiten wieder verfucht werden konnte. So haben fie das Glas, dem ein Mann wie 
Lobmeyr unvergängliche Dienfte geleiltet hat, für viele in diefem Materiale ruhenden 
künftlerifchen Möglichkeiten wieder erobert. Die Keramik, vor allem die Gefäßbildnerei, 
welcher die alte ftaatliche Mufteranftalt der Wiener Manufaktur leider gerade zur 
Zeit der Gründung des Öfterreichifchen Mufeums durch die herrfchende politifche 
Doktrin entriffen wurde, haben fie neu zu beleben gefucht, der Goldfchmiedekunft, dem 
Email, dem Leder, der Arbeit in Eifen, in Bronze, der Weberei, Stickkunft und 
Spi^enkunft die Grundlagen und künftlerifchen lmpulfe zu neuem Auffchwunge und 
zu einer Summe von Leiftungen geboten, welche wenigftens damals, worüber es an 
zahlreichen Zeugniffen nicht fehlt, die Anerkennung und Bewunderung auch des Aus 
landes gefunden haben. Im Mittelpunkte aller diefer Beftrebungen und Wirkungs 
weifen ftand das Öfterreichifche Mufeum mit feiner Vorbilderfammlung, feinen Aus 
heilungen, feiner umfaffenden Tätigkeit in Schrift und Wort und die dem Mufeum 
durch kaiferliches Statut eng verbundene Kunftgewerbefchule, die ebenfo wie das 
Mufeum fehr bald Weltruf erlangt hatte; und im Bunde mit ihnen das große Net$ 
kunftgewerblicher Fachfchulen, welches das ganze Reich umfpannte und als eine ruhm 
volle, muftergültige Organifation vom Auslande nachzuahmen verfucht worden ift. 
Die Fülle heimifcher Talente, deren Zahl (ich dank diefes Unterrichtswefens außer 
ordentlich vermehrte, fand freilich in der Heimat nicht jene Möglichkeiten der Ent 
wicklung und des Fortkommens, die wünfchenswert gewefen wären, denn die Pro 
duktionskraft Öfterreichs war immer größer als feine Konfumkraft. ln alle Länder 
Europas, in alle Staaten des neubegründeten Deutfchen Reiches, das mit feinen mufealen 
und kunfterzieherifchen Einrichtungen erft viele Jahre nach Öfterreich vorging und 
einen großen Bedarf an kunfthandwerklich gebildeten Kräften hatte, aber auch nach 
Frankreich, Belgien, Holland, England, Spanien, Dänemark, Schweden und Norwegen 
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