VIII.
DIE MOTIVENARMUT UND NÜCHTERN
HEIT MODERNER STADTANLAGEN.
H öchst verwunderlich ist es zu sehen, wie in neuerer
Zeit die Geschichte der künstlerischen Seite des Städte
baues so gar nicht zusammenpaßt mit der Geschichte der
Architektur und der übrigen bildenden Künste. Eigensinnig
geht der Stadtbau seinen eigenen Weg, unbekümmert um
alles, was rechts und links von ihm vorgeht. Schon in Re
naissance und Barocke war es auffallend, diesen Unter
schied vorzufinden, der Gegensatz hat sich aber noch mehr
verschärft in neuester Zeit, als ein zweitesmal die alten
Stilrichtungen ausgegraben wurden. Diesmal nahm man es
ja viel genauer mit der Richtigkeit der Nachahmung, alles
sollte möglichst getreu dem Vorbild der Alten nachemp
funden sein; sogar Kopien alter Bauwerke erstanden in
monumentaler kostbarer Ausführung und ohne eigentlichen
Zweck, ohne irgend einem praktischen Bedürfnisse zu ent
sprechen, lediglich aus Begeisterung für die Herrlichkeit
alter Kunst. Die Walhalla zu Regensburg erstand als
Spiegelbild eines griechischen Tempels, die Loggia dei
Lanzi fand zu München ihre Nachbildung, altchristliche
Basiliken wurden wieder errichtet, griechische Propyläen
und gotische Dome gebaut, aber wo blieben die zuge
hörigen Plätze? Die Agora, das Forum, der Marktplatz, die
Akropolis? — Daran dachte niemand.
Erschreckend arm geworden ist der moderne Städte
erbauer an Motiven seiner Kunst. Die schnurgerade Häuser-