MAK

Full text: Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen

106 
MODERNE SYSTEME. 
Fußgänger. Diese müssen alle hundert Schritte das Trottoir 
verlassen, um schon wieder über eine Straße hinüber- 
zugehen, wobei sie rechts und links nicht genug Achtung 
haben können auf die kreuz und quer daherkommenden 
Wagen. Es fehlt ihnen der natürliche Schutz der ununter 
brochenen Häuserfront. In jeder Stadt, in der sich ein so 
genannter Korso (Verdauungsbummel) irgendwo entwickelt 
zeigt, kann man beobachten, wie sich derselbe unwillkür 
lich eine lange nicht wesentlich zerschnittene Häuserreihe 
als erwünschte Seitendeckung auswählte, da sonst das 
ganze Vergnügen durch das ewige Aufpassen auf den 
Kreuzungsverkehr verdorben wäre. Am deutlichsten ist 
das beim Wiener Ringstraßenkorso zu sehen. Von dem Ge 
bäude der Gartenbaugesellschaft bis zur verlängerten 
Kärntnerstraße bewegt sich die dichte Menschenmenge nur 
auf der gegen die innere Stadt gelegenen Seite der Ring 
straße, während die entgegengesetzte (im Sommer sogar 
angenehmere kühlere) Seite menschenleer ist. Woher 
kommt das ? Nur daher, weil auf der gemiedenen südlichen 
Seite man den Schwarzenbergplatz durchqueren müßte 
und das ist unangenehm. Von der Kärntnerstraße an 
weiter bis zu den Hofmuseen bewegt sich der Korso aber 
plötzlich auf der anderen Seite der Ringstraße. Warum ? 
Weil man sonst vor der Auffahrtsrampe des Opern- 
theaters vorbei müßte, was neuerdings dem natürlichen 
Hange nach Seitendeckung nicht entsprechen würde. 
Was für herrliche Verkehrsverhältnisse kommen aber 
erst zutage, wenn noch mehr als vier Straßenzüge zu 
sammenlaufen. Bei Hinzufügung von nur noch einer 
Straßenmündung auf einen solchen Kreuzungspunkt steigt 
die Zahl der möglichen Wagenbegegnungen schon auf 160, 
also auf mehr als das Zehnfache des erstbesprochenen 
Falles und ebenso die Zahl der verkehrsstörenden 
Kreuzungen. Was soll man aber sagen zu Knotenpunkten 
des Verkehres, wo gar sechs und noch mehr Straßen von 
allen Seiten her zusammenlaufen wie in dem in Fig. 84 ge-
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.