Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen

BEI  MODERNEN  STADTANLAGEN.

123

Volksseele  lebendige  Weltanschauung  mangelt,  welche  in
einem  solchen  ^Verk  seine  sinnliche  Verkörperung  fände.
Aber  auch  inhaltsleer,  wie  es  die  moderne  Kunst  ist,  bloß
dekorativ  angefaßt,  wäre  die  Aufgabe  für  den  realistischen
Menschen  des  neunzehnten  Jahrhunderts  noch  erschreckend
groß.  Der  Städteerbauer  von  heute  muß  sich  vor  allem  an
die  edle  Tugend  äußerster  Bescheidenheit  gewöhnen,  und
zwar,  was  das  Absonderliche  an  der  Sache  ist,  weniger
aus  Geldmangel  als  vielmehr  aus  inneren,  rein  sachlichen
Gründen.
Gesetzt  den  Fall,  daß  bloß  dekorativ  bei  einer  Neuanlage ­
  ein  pompöses  und  malerisch  möglichst  wirkendes
Stadtbild  gleichsam  nur  zur  Repräsentanz,  zur  Verherrlichung ­
  des  Gemeinwesens  geschaffen  werden  soll,  so  kann
das  mit  dem  Lineal,  mit  unseren  schnurgeraden  Straßenfluchten ­
  nicht  bewirkt  werden;  es  müßten,  um  die
Wirkungen  der  alten  Meister  hervorzubringen,  auch  die
Farben  der  Alten  auf  die  Palette  gesetzt  werden.  Es  müßten
allerlei  Krummziehungen,  Straßenwinkel,  Unregelmäßigkeiten ­
  künstlich  im  Plane  vorgesehen  werden;  also  erzwungene ­
  Ungezwungenheiten;  beabsichtigte  Unabsichtlichkeiten. ­
  Kann  man  aber  Zufälligkeiten,  wie  sie  die  Geschichte ­
  im  Laufe  der  Jahrhunderte  ergab,  am  Plane
eigens  erfinden  und  konstruieren?  Könnte  man  denn  an
solcher  erlogenen  Naivität,  an  einer  solchen  künstlichen
Natürlichkeit  wirkliche,  ungeheuchelte  Freude  haben?
Gewiß  nicht.  Die  Freuden  kindlicher  Heiterkeit  sind  einer
Kulturstufe  versagt,  in  welcher  man  nicht  mehr  so  gleichsam ­
  in  den  Tag  hineinbaut,  sondern  verstandesmäßig  am
Reißbrette  die  Anlagen  konstruiert.  Dieser  ganze  Vortrag
läßt  sich  aber  nicht  mehr  ändern  und  somit  wird  ein  guter
Teil  der  angeführten  malerischen  Schönheiten  für  neuere
Anlagen  wohl  unwiederbringlich  verloren  sein.  Sowohl
das  moderne  Leben  als  auch  die  moderne  Technik  des
Bauens  lassen  eine  getreue  Nachahmung  alter  Stadtanlagen
nicht  mehr  zu,  eine  Erkenntnis,  der  wir  uns  nicht  ver-
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.