124
DIE GRENZEN DER KUNST ETC.
schließen können, ohne in unfruchtbare Phantasterei zu
verfallen. Die herrlichen Musterleistung-en der alten Meister
müssen bei uns in anderer Weise lebendig bleiben als
durch gedankenloses Kopieren; nur wenn wir prüfen,
worin das Wesentliche dieser Leistungen besteht und wenn
es uns gelingt, das bedeutungsvoll auch auf moderne Verhältnisse
anzuwenden, kann es gelingen, dem scheinbar
unfruchtbar gewordenen Boden eine neue blühende Saat
abzugewinnen.
Dieser Versuch sollte trotz aller Hindernisse nicht
gescheut werden. Selbst der Verzicht auf zahlreiche
malerische Schönheiten und die weitestgehende Rücksichtnahme
auf die Forderungen des neueren Bauwesens, der
Hygiene und des Verkehres sollten nicht soweit entmutigen,
daß die künstlerische Lösung einfach aufgegeben
wird und man sich mit einer bloß technischen begnügt,
wie bei dem Bau einer Landstraße oder einer Maschine
denn die erhebenden Eindrücke, welche künstlerische
Formvollendung unablässig ausStrömt, können auch in
unserem vielgeschäftigen Alltagsleben nicht entbehrt
werden. Man sollte meinen, daß gerade bei Städteanlagen
die Kunst voll und ganz am Platze sei, denn dieses Kunstwerk
ist es vor allem, das bildend auf die große Menge
der Bevölkerung täglich und stündlich einwirkt, während
Theater und Konzerte doch nur den bemittelteren Klassen
zugänglich sind. Gerade die Verwaltungen der öffentlichen
Stadtangelegenheiten sollten auch dieser Frage ihr Augenmerk
zuwenden, und so dürfte denn auch der Nachweis
wünschenswert sein, wie weit es möglich wäre, die Grundsätze
der Alten mit den modernen Forderungen in Einklang
zu bringen, welcher Untersuchung noch die folgenden
letzten Abschnitte gewidmet sein sollen.