22 BEZIEHUNG ZWISCHEN BAUTEN, MONUMENTEN UND PLÄTZEN.
Michelangelo wählte ihn aber, und Michelangelo soll einiges
von solchen Dingen verstanden haben. Dort stand das Bild
nis von 1504 bis 1873. Alle jene, welche das merkwürdige
Meisterwerk an dieser merkwürdigen Stelle noch gesehen
haben, geben Zeugnis von der ungeheueren Wirkung, welche
es gerade hier auszuüben vermochte. Im Gegensätze zur
verhältnismäßigen Beschränktheit des Platzes und leicht ver
gleichbar mit den vorbeigehenden Menschen schien das
Riesenbild noch in seinen Dimensionen zu wachsen; die
dunkle, einförmige und doch kräftige Quadermauer des Pa
lastes gab einen Hintergrund, wie er zur Hervorhebung
aller Linien des Körpers nicht besser hätte ersonnen werden
können. Einen Teil dieser Wirkung kann man noch an der
großen Photographie der Alinari erkennen. Seither steht
der David in einem Saale der Akademie unter eigens hie-
für gebauter Glaskuppel unter Gipsgüssen, Photographien
und Kohledrucken nach Werken Michelangelos als Muster
zum Studium und als Untersuchungsobjekt für Historiker
und Kritiker. Es gehört eine besondere geistige Vorberei
tung dazu, alle die bekannten Empfindung ertötenden Mo
mente eines solchen Kunstkerkers, Museum genannt, zu
überwinden, um endlich zu einem Genuß des erhabenen
Werkes sich durchzuarbeiten. Damit war dem kunsterleuch
teten Zeitgeiste aber noch nicht Genüge getan. David wurde
auch in Bronze gegossen in der Größe des Originales und
auf weitem freien Ringplatz (natürlich haarscharf im Zen
trum des Zirkelschlages) außerhalb Florenz auf Viale dei
colli aufgestellt auf hohem Postament; voran eine schöne
Aussicht, rückwärts Kaffeehäuser, seitlich ein Wagen
standplatz, quer durch einen Korso, ringsherum Baedeker-
Rauschen. Hier wirkt das Standbild gar nicht, und man
kann oft die Meinung verfechten hören, daß die Figur nicht
viel über Lebensgröße sein könne. Michelangelo hat es
also doch besser verstanden, seine Fig'ur aufzustellen, und
die Alten haben dies durchweg besser verstanden als wir
heutzutage.