keit die Phantasie unaufgefordert seltsame Blumen treibt. Welche absonderlichen Bilder und Er
innerungen sind es, die alle Realität verdrängt haben, um die Phantasie der Brüder Berger in sol
cher unzeitgemäßen Weise tätig sein zu lassen? Rest oder Reaktion, das heitere Ergebnis ist in
unseren mageren Tagen erwünscht, wir sind dankbar für diesen Gruß von jenseits des Weltge
tümmels. Aber die zerbrechlichen Dinge und ergötzlichen Gaukeleien dürfen nicht in die Wirklich
keit gemischt werden. Sie gehören samt und sonders nicht zum Gebrauch, sondern in die Vitrine,
zu den anderen kleinen Kostbarkeiten, die den harten Zugriff des Tages nicht vertragen. In die
Väschen aus Glas paßt auch nur eine Blume aus Glas, denn die Vitalität der natürlichen, lebens
starken Blume würde das zarte und starre Gefäß zu sprengen scheinen.
Was die Formen der Flaschen, Schalen und Gläser betrifft, so sind sie im letzten Grunde nichts
anderes als die venezianischen Gläser der Blütezeit, gesehen durch ein Temperament von heute.
Sie entwickeln sich lediglich aus der Glasblase, dieser ersten Arbeit des Glasbläsers, einfach und
ungezwungen, wie sie frei aus der Hand geschaffen werden. Aber man erkennt den Formwillen
einer spielerischen, fast allzu eleganten Phantasie, die in den gewundenen, angesetzten Henkeln
noch ein übriges tut. Feminin graziös, wie es dieses subtile Material verlangt, weiten sich die
dünngeblasenen Bildungen aus und schießen wieder zu schwungvoll langgezogenen Kelchen auf.
Trotz mancher bizarren Silhouette bleibt das Ganze schlicht und anspruchslos, weil nirgends des
Besonderen zuviel getan wird. Hier erweist sich der wohldisziplinierte Geist der Wiener Werk
stätte als mäßigender und vorzüglicher Führer und Lehrmeister. Die vornehme Beschränktheit
und in Zügeln gehaltene Phantasie dieser Künstlergemeinschaft ist von wohltuendster Wirkung.
Man vermißt die Lichteffekte des Kristallglases kaum. Denn eine reiche Skala von Farbtönen, ein
farbig und achat in allen Nuancen und Strömen sowie das zierliche Wunder des Fadenglases
grüßt uns bis zum kompliziertesten Muster.
Phantastische und groteske Gläser in allen möglichen, ja unmöglichen Gestalten wie Fischen, Vö
geln, Früchten, Hunden. Pferden usw. kannte man bereits im Altertum, in Alexandrien, Syrien,
Gallien und andernorts. Was die deutsche Renaissance an solchen phantastischen Stücken in un
erschöpflicher Vielfältigkeit und Absonderlichkeit hervorgebracht hat, ist aus vielen Sammlungen
bekannt. Auch heute werden diese Tiere noch vielfach erzeugt. Hier sind sie aber zu Fabeltieren
gewandelt, die nicht nur durch das besondere Material und die groteske Form, sondern durch die
empfindsame Linienführung und das fast raffinierte Farbenspiel wirken sollen. Sie unterscheiden
sich demnach wesentlich von allen früheren Glastieren und sind von ganz außerordentlicher Wir
kung.
Wien hat keine nachweisbare Vergangenheit auf dem Gebiete der Glasbläserei. Von den bestan
denen Hütten ist nichts auf unsere Tage überkommen. Um so erfreulicher ist diese jüngste Blüte,
die vielleicht einen Anfang bedeutet. Natürlich müßte erst eine genügende Anzahl geschulter
Glasbläser vorhanden sein. Denn es erfordert gerade dieses Material eine hohe Kunstfertigkeit
des Handwerklichen. Vor sich die Zeichnung, keine feste Form, einige durchsichtige und bunte
Glasstäbe als Material, die Flamme, Pfeife und Zange, sonst nichts. Aus diesen Behelfen muß der
Glasbläser mit Hand und Lunge die kleinen Wunderwerke schaffen. Wenn man die tüchtigsten un
ter ihnen nach ihrer heutigen sozialen Stellung hin betrachtet, kann man es fast nicht verstehen,
daß einst Venedig viele von ihnen zu Nobili machte. Es kann sein, daß eine neue Kulturepoche
auch dem Handwerk wieder zugute kommt.
(Dr. Armand Weiser: „BIMINI“, in: Dekorative Kunst 33/1925, S. 51, 52)
1926
Eintragung im Handelsregister Wien (C 12/240):
17. August 1926: Firma geändert wie nebenstehend: „Bimini" Werkstätten, Gesellschaft für ange
wandte Kunst m. b. H.
Höhe des Stammkapitals: 10.000 S
Rechtsverhältnisse der Gesellschaft: Mit Beschluss der Generalversammlung vom 25. 5. 1926 und
25. 6. 1926 wurde die Gesellschaft im Sinne des Goldbilanzengesetzes umgestellt, das Stammka
pital erhöht und der Gesellschaftsvertrag in den Punkten 2 u. 6 geändert
Eintragung im Compaß:
„Bimini“, Werkstatt für Kunstgewerbe, Ges. m. b. H., VII., Liechtensteinstraße 121. Wiener Glas
bläserarbeiten, Wiener Keramik. (1923). Kap.: K 5,000.000. Gschf.: Dr. David Rosenthal, Fritz
Lampl.
(Compass, Finanzielles Jahrbuch 1926, Band V, Österreich, S. 1854/55)
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