DIE STRASZENBAHNEN.
Die im Wiener Gemeindegebiet gelegenen Straßenbahnen bestehen aus einzelnen Anlagen,
welche nicht unmittelbar miteinander in Verbindung stehen und heute noch von vier
verschiedenen Verwaltungen betrieben werden.
Die der Gemeinde gehörigen städtischen Straßenbahnen mit elektrischem Betrieb besorgen
fast allein den gesamten Großstadtverkehr, während die übrigen, im Privatbesitze befindlichen
Straßenbahnunternehmungen mehr dem Vororteverkehr dienen. Es sind dies die
Dampftramway-Gesellschaft, vormals Krauß & Comp., die Wiener Lokalbahnen-Aktiengesellschaft
und endlich die elektrische Straßenbahn nach Kagran. 1 )
Die städtischen Straßenbahnen mit einer Gesamtbetriebslänge von rund 170 km greifen
bereits mit einem Flügel nach Schwechat über das Gemeindegebiet von Wien hinaus; die
anderen vorgenannten Gesellschaften besitzen in Wien zusammen nur rund 18 km Bahn. Das
für die städtischen Straßenbahnen aufgewendete Kapital beträgt rund 125 Millionen Kronen
ohne die Kosten der städtischen Elektrizitätswerke; von dem in den anderen Unternehmungen
investierten Kapital ist der auf die Strecken im Gemeindegebiet entfallende Teil nicht besonders
ausgewiesen und auch nicht leicht festzustellen.
1. Die städtischen Straßenbahnen.
Geschichtliches.
Am 4. Oktober 1865 wurde die erste Pferdebahnlinie in Wien vom Schottenring nach Hernals dem
Verkehre übergeben. Diese Probelinie war von C. Schaeck-Jaquet & Comp, erbaut worden. Am 7. März
1868 schloß die Gemeinde Wien den ersten Vertrag mit der Wiener Tramway-Gesellschaft. Die Vertragsdauer
betrug 35 Jahre. Am 4. Mai 1887 wurde durch ein Nachtragsübereinkommen das Straßenbenützungsrecht bis
Ende 1925 ausgedehnt, im Jahre 1872 wurde die Neue Wiener Tramway-Gesellschaft gebildet und im folgenden
Jahre mit dem Bau eines besonderen Netzes in den Vororten begonnen, welches zufolge mehrerer
mit der Gemeinde Wien in den Jahren 1885, 1887 und 1889 geschlossener Verträge auch bis zur Ringstraße
reichte. Am 28. Jänner 1897 wurde der elektrische Betrieb versuchsweise auf der Transversallinie der
Wiener Tramway-Gesellschaft aufgenommen. Am 28. Oktober 1899 wurde von der Bau- und Betriebs-Gesellschaft
für städtische Straßenbahnen, als der Nachfolgerin der in Liquidation getretenen Wiener
Tramway-Gesellschaft, ein neuer Vertrag mit der Gemeinde unterzeichnet; die Gemeinde hatte die Konzession
für die Elektrisierung des ganzen Netzes und den Bau neuer Linien angesucht und am 24. März
1899 erhalten. Mit Verträgen vom 14. April 1902 gingen die sämtlichen Linien der Bau- und Betriebs-Gesellschaft
an die Gemeinde über, und wurde die Firma Siemens & Halske, Aktiengesellschaft mit den Bauarbeiten
betraut und bevollmächtigt, bis Ende 1903 den Betrieb zu führen. Die Gemeinde übernahm jedoch schon am
I. Juli 1903 selbst den Betrieb dieser Linien sowie der Linien der Neuen Wiener Tramway-Gesellschaft, welche
bereits am 5. August 1902 von der Gemeinde erworben und unter Vermittlung der K. k. priv. österr.
Länderbank durch die Österreichischen Schuckertwerke auf elektrischen Betrieb umgebaut worden waren.
Das Liniennetz.
Grundverschieden wie die geschichtliche und bauliche Entwicklung der Großstädte Berlin,
Paris, London gegenüber der Entwicklung von Wien, ist auch die Ausgestaltung der Straßenbahnen.
Dort zahlreiche nach der Schnur gezogene, sich winkelrecht kreuzende, oft meilenweit
in der Ebene verlaufende Straßenzüge wie in Berlin, da — wie in Paris — breite Straßendurchbrüche
durch alte Stadtteile, die, schon vor Jahrzehnten planmäßig angelegt, dem Massenverkehr
der Weltstadt dienten, hier aber das alte Wien des I. Bezirkes — das eben erst
seinen Wallgürtel gesprengt hatte, als die erste Pferdebahn 1865 auf dem Plane erschien —
mit seinen engen, winkeligen Straßen, die sich erst am Ende des vergangenen Jahrhunderts
reckten und streckten, bis sie dem täglich wachsenden Verkehr Raum schufen; hier zeigt
sich eine Ähnlichkeit mit der City in London, welche dem Straßenbahnverkehr bekanntlich
gänzlich verschlossen ist.
■) Letztere wurde nunmehr auch in das städtische Strafienbahnnetz einbezogen. (Amn. d. Red.)