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Full text: Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts : ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung, Band 1: Charakteristik und Entwicklung der Stadt, Ingenieurbauten

D. DIE ENTWÄSSERUNG. 
Geschichtliche Entwicklung. 
Das Bestreben, die im Haushalte entstehenden Schmutzwässer, die menschlichen und tierischen 
Auswurfsstoffe, die Abfallwässer der gewerblichen Betriebe sowie das auf die Straßen, Dächer und Höfe 
niederfallende Meteorwasser möglichst schnell und ohne Belästigung aus der Nähe der Wohnstätten und 
von den Verkehrswegen wegzuschaffen, hatte in Wien schon frühzeitig zur Erbauung von ausgedehnten 
unterirdischen Ableitungen geführt. Die Herstellung solcher Abzüge, in früheren Jahrhunderten Möhrungen, 
später Kanäle genannt, wurde durch die günstigen Niveau- und Vorflutverhältnisse des Wiener Stadt 
gebietes wesentlich erleichtert und gefördert. In den ersten Entwicklungsstadien der Kanalisation wurden 
zur direkten Einmündung der Straßen- und Hausabzüge außer dem Donaukanale auch die offenen Gerinne 
des Wienflusses, des Als- und Ottakringerbaches benützt, die sich von den die Stadt einsäumenden Höhen 
rücken durch das bebaute Gebiet gegen den Donaukanal hinziehen und an deren Gehängen für die Anlage 
von Kanälen sich die günstigsten Verhältnisse vorfinden. In frühererZeit wurde bei der Herstellung der 
Kanäle nur der jeweilige Bedarf und der unmittelbar vorliegende Zweck zu erfüllen gesucht, ohne auf eine 
Weiterführung, Gefällsausnützung und geregelten Ausbau des Kanalnetzes Bedacht zu nehmen. 
Wie frühzeitig in Wien schon Ableitungskanäle vorhanden waren, zeigte eine Gedenktafel, welche 
an dem im Jahre 1882 umgebauten Hause Brandstätte Nr 2 (Thonethaus) zur Erinnerung an die im Jahre 1388 
erbaute Möhrung angebracht war. *) Aus dem Jahre 1445 vorhandene Stadtrechnungen bekunden gleich 
falls den Bestand einer größeren Zahl von Möhrungen. 2 ) 
Als nach der zweiten Türkenbelagerung (1683) sich eine rege Bautätigkeit geltend machte, erhielten 
die neuentstandenen Gebäude größtenteils Abzüge in die Straßenkanäle. Dagegen bestanden noch in vielen 
älteren Häusern und Klöstern Senkgruben, deren Räumung viele Unzukömmlichkeiten im Gefolge hatte. 
Zur Beseitigung dieser Mißstände ordnete die Regierung mit Erlaß vom 24. November 1706 an, daß die 
Senkgruben nur in den Wintermonaten geräumt werden dürfen, und forderte gleichzeitig die Eigentümer 
von Häusern mit Senkgruben auf, wo es tunlich ist, diese letzteren aufzulassen und gewölbte Kanäle 
zur Abführung des Unrates herzustellen, wobei diese gegen einen billigen Beitrag an die städtischen Kanäle 
anzuschließen sind. 3 ) Die Ausdehnung des Kanalnetzes der Innern Stadt im ersten Drittel des 18. Jahr 
hunderts zeigt ein im stadtbauamtlichen Archive befindlicher Plan aus dem Jahre 1739, nach welchem der 
Stadtteil innerhalb der Basteien damals schon nahezu vollständig kanalisiert war. 4 ) In den Vorstädten 
machte aber die Ausgestaltung des Kanalnetzes langsamere Fortschritte; Kaiserin Maria Theresia forderte 
daher mittels Auftrages vom 5. Mai 1753 die Gemeinde auf, nicht allein zur Erhaltung des Gesundheits 
standes, sondern auch zur Einführung mehrerer Sauberkeit in allen Straßen und Gassen, wo es nur 
tunlich ist, Hauptkanäle herzustellen und die Hauseigentümer anzuhalten, ihre Nebenkanäle an die Straßen 
kanäle anzuschließen. 
Die gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eingetretene rasche Entwicklung der 
Vorstädte hatte auch eine namhafte Ausdehnung des Kanalnetzes zur Folge. Im Jahre 1830 waren in der 
Innern Stadt 20.005 m und in den Vorstädten 90.059 m, demnach innerhalb der Linienwälle bereits 110.064 m 
Straßenkanäle vorhanden. Eine im Jahre 1830 vorgenommene Volkszählung ergab 317.768 Zivilbewohner, 
welche 8037 5 ) Häuser bewohnten. Von diesen waren 6870 an die Straßenkanalisierung beziehungsweise auch 
an offene Gerinne angeschlossen, während in 1082 Häusern Senkgruben bestanden. 6 ) Von den mit Haus- 
») Karl Weiß, Topographie der Stadt Wien. 1876. Wahrzeichen und Gedenktafeln. 
2 ) Karl Weiß, Geschichte der Stadt Wien. 
3 ) Wiener Stadtarchiv. 
*) Franz Berger, „Die Kanalbauten der Stadt Wien“. Zeitschrift des österreichischen Ingenieur- und Architekten-Vereines. 1894. 
5 ) österreichisches Städtebuch. 1887, I. Jahrgang. 
e) Die Kanalisierungsverzeichnisse weisen nur 7952 Häuser aus. 
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Bd. 1.
	        
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