Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts : ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung, Band 1: Charakteristik und Entwicklung der Stadt, Ingenieurbauten

194

Die  Entwässerung.

kanälen  versehenen  6870  Häusern  mündeten  2408  teils  direkt,  teils  durch  Straßenkanäle  in  den  Donaukanal
ein.  An  den  Wienfluß  und  seine  beiden  Mühlbäche  waren  2423  Häuser  angeschlossen.  An  den  Ottakringerbach ­
  gaben  innerhalb  der  Linienwälle  1080  Häuser  die  Brauchwässer  und  Fäkalien  ab,  so  daß  der  Wienfluß ­
  die  Abgänge  von  3503  Häusern  aufzunehmen  hatte.  An  den  Alsbach  waren  innerhalb  des  Linienwalles
656,  an  den  offenen  Schmidtgraben  in  der  Rossau  288,  an  den  Währingerbach  3  und  an  den  Franzosengraben ­
  12  Gebäude  angeschlossen.  Diese  Ziffern  geben  ein  deutliches  Bild  des  Zustandes  der  im  Jahre  1830
die  Stadt  durchziehenden  offenen  Wasserläufe.  Am  allerärgsten  waren  wohl  die  Verhältnisse  am  Wienflusse.
Durch  die  Einbringung  so  bedeutender  Mengen  Schmutzstoffe  längs  der  nicht  ausreichend  befestigten  Ufer
sowie  durch  die  Aufnahme  des  gänzlich  verjauchten  Ottakringerbaches  nächst  dem  heutigen  Gebäude  der
Sezession  wurde  ein  ganz  unerträglicher  Zustand  hervorgerufen.  Schon  im  Jahre  1792  hatte  eine  Kommission
als  einziges  und  gründliches  Abhilfsmittel  dieser  Übelstände  die  Herstellung  von  Sammelkanälen  an  den
Ufern  des  Wienflusses  bezeichnet;  sowohl  diese  als  eine  im  Jahre  1822  erneuerte  Anregung  hatten  keinen
positiven  Erfolg.  Ebenso  traurig  wie  am  Wienflusse  waren  zu  dieser  Zeit  auch  die  Verhältnisse  an  dem
Ottakringer-  und  am  Aisbache  sowie  am  Schmidtgraben  in  der  Rossau.
Derartige  Zustände  konnten  wohl  nicht  ohne  Einwirkung  auf  die  Gesundheitsverhältnisse  der  Bewohner ­
  bleiben.  Es  erklärt  sich  dadurch  auch  die  hohe  Sterblichkeit  der  Wiener  Bevölkerung,  die  im
Jahre  1830  noch  SO 0 /,,.)  betrug,  und  es  war  die  höchste  Zeit,  daß  in  diesen  beklagenswerten  Verhältnissen
eine  Änderung  eintrat.  Es  bedurfte  aber  bedeutender  Ereignisse,  um  die  damalige  Regierung  zu  einem  energischen ­
  Handeln  zu  veranlassen.  In  kurzer  Aufeinanderfolge  war  die  Stadt  von  zwei  schweren  Katastrophen
heimgesucht.  Am  28.  Februar  1830  trat  die  Donau  infolge  Eisverstopfung  aus  ihren  Ufern  und  erreichte
der  Wasserstand  am  Pegel  der  Ferdinandsbrücke  die  außerordentliche  Höhe  von  6'95  m  über  dem  Nullpunkte. ­
  Das  ganze  Gemeindegebiet  bis  an  den  Steilrand  hinan  war  durch  mehrere  Tage  überschwemmt.
Kaum  waren  die  schwersten  Nachteile,  die  die  Überflutung  der  Bevölkerung  der  Stadt  gebracht  hatte,
zum  Teil  beseitigt,  brach  mit  unheimlicher  Macht  die  Cholera  zum  ersten  Male  in  das  Gemeindegebiet
von  Wien  ein  und  wütete  besonders  in  den  an  den  offenen,  verseuchten  Wasserläufen  und  Mühlgräben
gelegenen  Wohnstätten  sowie  in  den  durch  die  Überschwemmung  betroffenen  Stadtteilen.
Die  jahrelangen  Versäumnisse,  die  so  schwere  Opfer  an  Menschenleben  und  Wohlstand  forderten,
nötigten  nun  die  maßgebenden  Kreise  zum  raschen,  energischen  Eingreifen.  Noch  während  der  Cholera,  im
Herbste  des  Jahres  1831,  wurde  der  Bau  des  rechtsseitigen  Wienflußsammlers  in  Angriff  genommen  und
mit  großer  Beschleunigung  fortgeführt.  Nachdem  der  4873  m  lange  rechte  Wienflußsammler  von  seiner  Ausmündung ­
  in  den  Donaukanal,  oberhalb  dem  Dampfschiffahrtsgebäude,  bis  zum  Linienwalle  nächst  der
ehemaligen  Hundsturmer  Linie  beendet  und  sämtliche  Einmündungen  von  Haus-  und  Straßenkanälen  am
rechten  Wienflußufer  beseitigt  waren,  wurde  der  Stadt  mit  kaiserlicher  Entschließung  vom  12.  Dezember  1834
die  Erbauung  des  linken  Wienflußsammlers  sowie  die  Einwölbung  des  Ottakringer-  und  Aisbaches  bis  zum
Linienwalle  aufgetragen  und  die  Zuwölbung  des  Schmidtgrabens  in  der  Rossau  gefordert.  Die  Kosten  der
auf  mehrere  Jahre  zu  verteilenden  Kanalherstellungen  waren  mit  1,260.000  K  veranschlagt,  welche  die
Gemeinde  Wien  aus  den  laufenden  Einnahmen  zu  bestreiten  hatte.
Mit  diesen  Anordnungen  war  ein  wichtiger  Schritt  zur  Assanierung  Wiens  eingeleitet  und  die
Regierung  bestand  in  der  Folge  mit  festem  Willen  auf  deren  Ausführung.  Bereits  im  Jahre  1836  wurde  der
Bau  des  linken  Wienflußsammlers  in  Angriff  genommen  und  im  Oktober  1839  bis  zum  Linienwalle
in  einer  Gesamtlänge  von  4832  m  fertiggestellt.  Gleichzeitig  mit  diesen  Arbeiten  wurden  auch  alle  Ausmündungen ­
  von  Kanälen  am  linken  Wienflußufer  durch  Anschluß  an  den  Sammler  beseitigt,  so  daß  von
dieser  Zeit  an  innerhalb  des  alten  Gemeindegebietes  keine  Unratsableitungen  in  den  Wienfluß  mehr  stattfanden ­
  und  dieser  mit  den  Sammelkanälen  nur  durch  Regenauslässe  in  Verbindung  stand,  ln  den  Jahren
1837—1840  gelangte  die  Einwölbung  des  O  ttakrin  gerb  ach  es  (Gesamtlänge  2368  m)  bis  an  den  Linienwall
zur  Ausführung.  In  den  Jahren  1840—1843  wurde  endlich  die  Einwölbung  des  Aisbaches,  vom  Donaukanale
  bis  zum  Linienwalle,  in  einer  Länge  von  2213  m  ausgebaut.  Innerhalb  des  Zeitraumes  von  1830  bis
1843  wurden  daher  14.285  82  m  große  und  wichtige  Sammelkanalbauten  ausgeführt,  die  eine  Kostensumme
von  2,884.497  K  erforderten.  Weiters  ließ  die  Gemeinde  im  Jahre  1848  den  Währingerbach  von  seiner
Einmündung  in  den  Alsbach  bis  zum  Linien  walle,  und  schließlich  im  Jahre  1850,  nach  Ableitung  des
Döblingerbaches,  auch  den  Schmidtgraben  in  der  Rossau  einwölben,  womit  das  im  Jahre  1830  und  1834
aufgestellte  Programm  für  die  Herstellung  der  dringend  notwendigsten  Kanalbauten  zum  Abschlüsse
gebracht  war.
Die  Gemeinde  Wien  kann  auf  die  in  den  Jahren  1831—1843  hergestellten  Kanalbauten,  durch  welche
Jahrhunderte  alte  Mißstände  beseitigt  wurden,  mit  großer  Befriedigung  zurückblicken.  Aber  auch  in  technischer ­
  Beziehung  sind  die  damals  hergestellten  Bauwerke,  deren  Ausführung  viele  Schwierigkeiten  bot,
höchst  anerkennenswerte  Leistungen,  da  zu  dieser  Zeit  Sammler  und  Bacheinwölbungen  in  einheitlicher
und  planmäßiger  Durchführung  für  so  bedeutende  Niederschlagsflächen  und  in  solchen  Längen  noch  in
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.