MAK

Full text: Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts : ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung, Band 1: Charakteristik und Entwicklung der Stadt, Ingenieurbauten

198 
Die Entwässerung. 
Für die Bestimmung der Brauchwassermenge ist die Bevölkerungsdichte und der 
Wasserverbrauch pro Einwohner maßgebend. Behufs Verfassung der Kanalisationsprojekte 
wurde unter Festhaltung der Bestimmungen für die zukünftige bauliche Entwicklung Wiens 
das ganze Stadtgebiet in fünf Kategorien eingeteilt, wovon die erste jene Flächen um 
faßt, die auch in Zukunft voraussichtlich unverbaut bleiben werden. Diese besitzen ein 
Ausmaß von 4086-2 ha. Für die zweite Kategorie wurde eine villenartige Verbauung 
mit 75 Einwohner pro Hektar der Berechnung zugrunde gelegt; diese Fläche beträgt 2354-6 ha'. 
Die dritte Kategorie mit einer Fläche von 3487 4 ha wurde als weitläufig verbaubar 
bezeichnet und als Bevölkerungsdichte 300 Einwohner pro Hektar angenommen. In diese 
Kategorie wurden auch jene Stadtteile eingerechnet, die vorzüglich für Fabriksanlagen bestimmt 
sind. Die vierte und fünfte Kategorie bilden die enge und sehr enge verbauten Stadtgebiete, 
deren Bewohnerzahlen mit 400 und 520 Personen pro Hektar angenommen sind und die 3178'2ha 
beziehungsweise 4790-1 ha umfassen. Die Gesamtzahl der Bewohner, welche der Kanalisations 
anlage zugrunde gelegt ist, beträgt hiernach rund 4,985.000 Personen, die bei gleicher Ver 
mehrung wie in den letztverflossenen Jahrzehnten im Jahre 1954 erreicht sein würde. Das von 
einem Bewohner innerhalb 24 Stunden verbrauchte Wasser wurde bisher mit 90 5 1 den Be 
rechnungen für die Kanalisation unter der Voraussetzung zugrunde gelegt, daß die Hälfte 
dieser Menge innerhalb zehn Stunden zum Abflüsse gelangt. 
Die Menge des Meteorwassers, welche durch die Kanäle zum Abfluß gelangt, ist zunächst 
von der Dauer und Intensität der Sturzregen, dann von dem Grade der Versickerung in den Boden 
und allfällig auch von der Verzögerung im Abflüsse abhängig. Als Ende der Siebzigerjahre das 
Programm für die Verfassung eines Generalkanalisierungsplanes für Wien aufgestellt wurde, 
mangelte es an Beobachtungen über starke Regengüsse. Damals wurde, wie in vielen anderen 
Städten, ein stündlicher Regen von zirka 20 mm = 55 Sekundcnliter pro Hektar als Grund 
lage für die Kanalisation angenommen und vorausgesetzt, daß infolge Versickerung, Ver 
dunstung und Verzögerung nur der dritte Teil des Regens gleichzeitig zur Abführung kommt. 
Auf dieser Grundlage wurden die Profile des Wiener Kanalnetzes bis Ende der Achtzigerjahre 
ausgemittelt. Die unausgesetzten Beobachtungen der Wasserabführung in den Kanälen sowie 
die Resultate der nunmehr in größerer Anzahl in Verwendung stehenden selbstzeichnenden 
Regenmesser haben die Notwendigkeit ergeben, die Normen für die Berechnung der Kanäle 
einer Abänderung zu unterziehen. Was zunächst die Regenmenge betrifft, so mußte schon 
aus wirtschaftlichen Rücksichten davon abgesehen werden, das Kanalnetz derart zu dimen 
sionieren, daß es auch jene höheren Niederschläge, die im Durchschnitte nur alle H/ 2 bis 
2 Jahre verkommen, rückstaufrei abzuführen imstande ist. Auf Grundlage der in Wien ge 
messenen Sturzregen wird seither zur Berechnung der Kanalquerschnitte für die sehr dicht 
verbauten Stadtteile ein Regen von 125 sl/ha und halbstündiger Dauer, für die übrigen 
Gebiete ein Regen von 100 sl/ha und 20 Minuten Dauer als Norm festgehalten. Von dieser 
Regenmenge gelangt aber infolge der Versickerung nur ein Teil zum Abflüsse. Den Berech 
nungen wird als Versickerungskoeffizient für unverbautes Gelände 0-20 bis 0-50, für villenartig 
verbaubare Flächen 0’25 bis 0'50, für weitläufig verbaubares Terrain 0'30 bis 0'60, für enge 
und sehr enge verbaute Gebiete 0’50 bis 0'70 beziehungsweise 0’70 bis 0'90 zugrunde gelegt, 
wobei die unteren Grenzwerte für das flache Alluvialgebiet und die oberen für steile Gelände, 
Fels und schweren Tonboden Anwendung finden. 
Eine Verzögerung im Abflüsse wird nur dann in Rechnung gezogen, wenn von einer 
Fläche der Regenabfluß bis zu einem bestimmten Punkte längere Zeit erfordert, als die 
angenommene Regendauer beträgt. In diesem Falle wird die Verzögerung mittels Abflußlinien 
bestimmt. 1 ) Nebst dem Brauch- und dem Meteorwasser haben die Kanäle auch das Quell 
wasser der Bäche und teilweise auch das Grundwasser abzuleiten. Das Quellwasser wächst 
namentlich im Frühjahre zu bedeutenden Mengen an. Bezüglich des Grundwassers ist jenes 
Gebiet, das unter dem Einflüsse der Donauwasserstände steht, zu unterscheiden von den 
höher gelegenen Stadtteilen, deren Grundwasser sein Einsickerungsgebiet in den die Stadt 
umgebenden Höhenzügen besitzt. Im Alluvialgebiete ist wegen der bedeutenden Wassermengen 
eine Verbesserung der Grundwasserverhältnisse durch die Kanalisation nicht zu erreichen, 
dagegen wird in dem höher gelegenen Stadtgebiete durch die unter der Kanalsohle angeord 
neten Drainageleitungen eine Senkung und Fixierung der Grundwasserspiegel und damit die 
Trockenhaltung der Keller- und Hausfundamente erzielt. 
') Ed. Bodensehcr, über Stadtentwässcrungsanlagcn. Zeitschrift des österreichischen Ingenieur-und Architekten-Vercines. 1900.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.