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Full text: Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts : ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung, Band 1: Charakteristik und Entwicklung der Stadt, Ingenieurbauten

E. DIE WASSERVERSORGUNG. 
Geschichtliches. 
Durch Funde in der Nähe von Atzgersdorf ist der ehemalige Bestand einer römischen Wasser 
leitung nachgewiesen, mittels welcher in der ältesten Zeit Quellwasser — wahrscheinlich aus der Gegend 
von Gumpoldskirchen oder Perchtolsdorf — nach Wien geleitet worden sein dürfte. Späterhin wurden 
zahlreiche kleinere Quellwasserleitungen angelegt, unter denen die „Hernalser“, die „Albertinische“, 
die „Laurenzer“ und die „Karölysche“ Wasserleitung die bedeutendsten waren. Diese Wasserleitungen 
dienten teils zur Versorgung hofärarischer und Privatgebäude, teils für öffentliche Zwecke. Die Gesamt 
ergiebigkeit derselben schwankte jedoch nur zwischen 450 und 570 m 3 täglich, weshalb die Stadt Wien 
bis in die neuere Zeit zur Deckung des Wasserbedarfes hauptsächlich auf die Hausbrunnen angewiesen 
war, deren es im früheren Gemeindegebiet ungefähr 11.000 gab. Die fortschreitende bauliche Entwicklung 
ließ jedoch den Bestand einer größeren einheitlichen Wasserleitung immer mehr vermissen, weshalb sich 
Kaiser Ferdinand 1. im Jahre 1835 bewogen fand, das ihm seitens der Stände dargebrachte Krönungs 
geschenk für die Errichtung eines neuen Wasserwerkes in Wien zu widmen. 
Dieses Wasserwerk, welches den Namen „Kaiser Ferdinands-Wasserleitung“ führte, wurde 
in den Jahren 1836—1841 ausgeführt, entnahm das Wasser durch Saugkanäle dem Schottergrund am 
rechten Ufer des Donaukanales in Heiligenstadt und förderte mittels einer maschinellen Anlage zunächst 
ein tägliches Wasserquantum von 5700 m 3 , welches durch eine im Jahre 1859 durchgeführte Erweiterung 
der Anlage auf 10.000m 3 pro Tag gesteigert wurde. Von dieser Wasserleitung wurden 211 öffentliche 
Auslaufbrunnen, 25 Bassins mit Ausläufen, 36 städtische und 682 Privathäuser sowie 52 Feuerhydranten 
versorgt. Auch diese Anlage konnte dem Bedarfe nur für kurze Zeit genügen, da durch die bereits im 
Jahre 1857 inaugurierte Stadterweiterung eine sehr intensive Bautätigkeit eintrat und in Verbindung 
damit die Wasserversorgung Wiens eine totale Umgestaltung erfahren mußte. 
Gestützt auf die Anträge der zu dem Studium der Wasserversorgungsfrage eigens bestellten 
Wasserversorgungskommission beschloß der Wiener Gemeinderat am 12. Juli 1864 zu diesem Zwecke 
die Erbauung einer „Hochquellenleitung“, die zunächst die Quellen des „Kaiserbrunnens“ und 
der „Stixensteiner Quelle“ umfassen sollte, mit dem Vorbehalte, diese Wasserleitung nach dem wach 
senden Bedarfe durch die Einbeziehung weiterer Quellen aus demselben Gebiete entsprechend auszugestalten. 
Nachdem Se. Majestät der Kaiser Franz Josef I. in munifizentester Weise der Gemeinde Wien den „Kaiser 
brunnen“ zur Förderung des Unternehmens zum Geschenk gemacht hatte (1. Mai 1865), erhielt die neue 
Wasserleitung den Namen „Kaiser Franz Josefs-Hochquellenleitung“ und wurde der Bau derselben in dem 
ursprünglichen Umfange in der Zeit vom Jahre 1869 — 1873 ausgeführt. Wien hatte nun das denkbar 
beste Wasser, welches nun für alle Bereiche der Wasserversorgung herangezogen wurde und dessen 
Einleitung von den segensreichsten Folgen in hygienischer und sanitärer Beziehung begleitet war. 
Schon in den ersten Jahren der Aktivierung dieser Wasserleitung zeigte es sich, daß der Zufluß des 
„Hochquellenwassers“ hinter den Erwartungen zurückblieb — man hatte auf eine Ergiebigkeit von zirka 
65.000 bis 75.000 m 3 pro Tag gerechnet — und daß insbesondere sehr namhafte Schwankungen in der Er 
giebigkeit der Quellen eintraten. Deshalb wurde im Jahre 1877 der Beschluß gefaßt, neue Quellen oberhalb 
des Kaiserbrunnens in die Hochquellenleitung einzubeziehen und zugleich behufs Ermöglichung der Bevor 
ratung eines größeren Wasserquantums die Wasserbehälter entsprechend zu vergrößern.
	        
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