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Full text : Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts : ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung, Band 1: Charakteristik und Entwicklung der Stadt, Ingenieurbauten

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Stadtentwicklung.

Ladeplätze  sowie  zur  Schaffung  eines  neuen  Stadtteiles,  der  Donaustadt, ­
  im  Ausmaße  von  230  ha  gewonnen,  während  die  auf  der  anderen
Stromseite  entstandene  Kolonie  Kaisermühlen  derzeit  eine  Bauarea  von
24  ha  umfaßt.  Auf  beiden  Gebieten,  die  früher  versandete  Flächen  mit
wüstem  Gestrüpp  oder  unbenützbare  Bette  der  Donau  bildeten,  erheben
sich  heute  städtische  Anlagen  mit  ausgedehnten  Fabriken,  Lager-  und  Wohnhäusern. ­

Auch  im  Bezirke  Landstraße  entstanden  ganz  neue  Stadtgebiete  in
den  ehemaligen  Vorstädten  Weißgerber  und  Erdberg,  die  mit  ihren  weitgedehnten ­
  Obst-  und  Gemüsegärten  um  die  Mitte  des  verflossenen  Jahrhunderts ­
  noch  vollständig  ländliches  Gepräge  zeigten.  Der  Bezirk  Wieden
vergrößerte  sich  so  stark,  daß  zuerst  (1866)  ein  Teil  als  neuer  Bezirk
Margareten  und  später  (1874)  ein  weiterer  Teil  als  Bezirk  Favoriten
(für  welchen  Siccardsburg  den  Plan  entwarf)  abgetrennt  werden  mußte.
Auch  die  übrigen  Bezirke  bauten  sich  immer  dichter  aus,  wobei  leider
viele  große  und  schöne  Parkflächen  der  Parzellierung  anheimfielen.
>'  •‘  Von  den  Vororten,  deren  meiste  noch  vor  50  Jahren  nicht  viel
mehr  als  Dörfer  waren,  wuchsen,  wie  schon  erwähnt,  besonders  die  westlichen ­
  allmählich  zu  ganzen  Städten  empor,  aber  in  planloser  Weise  und
ohne  organischen  Anschluß  an  die  Stadt  selbst.  Als  erfreulicher  Lichtpunkt
kann  hier  nur  die  Anlage  des  Cottageviertels  in  Währing  bezeichnet
werden,  das  ebenso  wie  der  anschließende  Türkenschanzpark  einer  Anregung ­
  Ferstels  seine  Entstehung  verdankt.
Neben  der  Erweiterung  der  Stadt  durch  den
Bau  neuer  Häuser  auf  grünem  Anger  (Abb.  21
zeigt  den  großen  Umfang  der  seit  1857  ganz  neu
entstandenen  Stadtteile)  ging  selbstverständlich  der
Umbau  alter  Häuser  parallel.  Derselbe  wurde
nicht  nur  durch  den  Zuwachs  der  Bevölkerung
angeregt,  sondern  auch  durch  die  Konkurrenz  mit
den  bequemeren,  gesünderen  und  feuersichereren
Neubauten,  durch  die  gesteigerten  Wohnungsbedürfnisse ­
  und  durch  die  im  Mai  1859  gewährte
außerordentliche  Steuerermäßigung  für  sämtliche
innerhalb  zehn  Jahren  ausgeführte  Neu-  und  Umbauten ­
  im  Wiener  Gemeindegebiete  gefördert.
Während  im  vorhergegangenen  Dezennium  nur
381  Häuser  neu-  und  1302  Häuser  umgebaut
wurden,  entstanden  in  den  Jahren  1859—1869
nicht  weniger  als  1525  neue  Häuser  und  2836
durch  Umbau.  Allerdings  entwickelte  sich  die
ganze  Baubewegung  nicht  gleichmäßig,  sondern
schwankend,  da  sie  vielfach  von  politischen  und
wirtschaftlichen  Verhältnissen  abhängig  war.  Einen
wohltätigen  Einfluß  auf  die  Bautätigkeit  der  Stadt
nahmen  besonders  einige  der  zahlreichen  Baugesellschaften, ­
  deren  Bildung  damals  durch  die
gesetzliche  Erleichterung  der  wirtschaftlichen  Assoziation ­
  begünstigt  wurde. J )
Die  gewaltig  fortschreitende  Bevölkerungszunahme ­
  erheischte  auch  große  Arbeiten  zur  Verbesserung ­
  der  gesundheitlichen  Verhältnisse.  So
wurde  in  Verbindung  mit  der  Donauregulierung
in  den  an  der  Donau,  dem  Wienflusse  und  den
Ausmündungen  mehrerer  Wildbäche  gelegenen  Stadtteilen, ­
  die  oftmals  von  verheerenden  Überschwemmungen  heimgesucht  waren  (das  Hochwasser
der  Donau  vom  Jahre  1862  allein  überschwemmte  mehr  als  4500  ha  und  machte  mehr  als

Abb.  20.  Griechengasse.

’)  Es  sind  dies  die  Allgemeine  österreichische,  die  Wiener  und  die  Union-Baugesellschaft  sowie  der  Wiener  Bauverein.
            
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