MAK

Full text: Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts : ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung, Band 2: Hochbau und Architektur, Plastik und Kunstsammlungen

Hofburg, alter Teil. 
105 
ln neuester Zeit wird dieser Büchersaal bei Gelegenheit von Besuchen auswärtiger Sou 
veräne von Sr. Majestät dem Kaiser als Cercle-Appartement nach Hof-Konzerten oder Hof- 
Diners benützt. Derselbe gewährt in elektrischer Beleuchtung, mit Blattpflanzen und kostbaren 
Teppichen geschmückt,' einen prächtigen Anblick. 
7. Der Reichskanzleitrakt (Abb. 171, 172). 
Unter der Regierung Kaiser Karl VI. wurde nach Demolierung eines unansehnlichen, 
zu Kanzleien verwendet gewesenen niederen Traktes zwischen dem Michaelerplatze und der 
Schauflergasse als architektonischer Abschluß des Inneren Burgplatzes, welcher bis dahin nur auf 
Abb. 174. Hofburg, neuer Teil. 
Grundriß des im Bau befindlichen Flügels nach dem ursprünglichen Entwürfe Hasenauers. 
1:2000. 
drei Seiten von Gebäuden umgeben war, der imposante Kolossalbau des heutigen „Reichskanzleitraktes 
im lahre 1728 nach den Plänen Fischers von Erlach aufgeführt. Der Name Reichskanzleitrakt rührt daher, 
weil in diesem Gebäude zu jener Zeit Sr. Römischen kaiserlichen Majestät Reichs-Hof-Rat zu tagen pflegte, 
welcher nach dem kaiserlichen geheimen Rats-Kollegium das höchste Gericht des heiligen römischen 
Reiches war, vor welchem nicht nur Prozeßsachen der Reichsstände, sondern auch andere im Reiche 
vorgefallene Angelegenheiten behandelt wurden. 1 ) Vom Jahre 1712—1728 stand beiläufig an der Stelle 
des heutigen Kuppelbaues gegen den Michaelerplatz die „Karolinische Tnumphpforte“, nach einer Idee 
des seinerzeitigen Medailleninspektors Gustav Adolph Heräus von dem Baumeister Johann Lucas von 
Hildebrand mit reichem ornamentalem und figuralem Schmucke zur Verherrlichung der Siege in Spanien 
aufgeführt. Sie wurde anläßlich des Baues des Reichskanzleitraktes 1728 abgetragen. 
Das Reichskanzleigebäude ist vier Stockwerke hoch, die Fassade durch korinthische 
Pilaster gegliedert, im ersten Stockwerke mit drei Baikonen versehen und mit einer Attika be 
krönt, auf welcher in der mittleren Höhenachse das Wappen Karls VI. mit der Kaiserkrone, 
flankiert von tubablasenden Famen und vier Frauengestalten, angebracht ist. Das Mitteltor 
führt zur Hauptstiege des Traktes, rechts und links liegen Durchfahrten und Durchgänge gegen 
den Michaelerplatz und die Schauflergasse. Zu beiden Seiten der zwei Torbogen dieser Durch 
fahrten sind Kolossalgruppen, Taten des Herakles darstellend, angebracht, und zwar bei der 
Durchfahrt gegen den Michaelerplatz die Besiegung des Antäus und des Busiris, bei jener 
gegen die Schauflergasse die Besiegung des nemäischen Löwen und des kretensischen Stieres. 
Diese Gruppen wurden von dem Bildhauer Lorenzo Mattielli ausgeführt. 
Im ersten Stockwerke liegen die Wohngemächer Sr. Majestät mit den Audienzräumen und 
daranstoßend das Stephan-Appartement, in welchem kleinere Diners stattfinden. Von den 
Interieurs verdient besonders die bildliche Ausschmückung des großen Audienzvorsaales her 
vorgehoben zu werden, in welchem drei große, auf Wachsgrund von Peter Krafft ausgeführte 
Wandgemälde mit lebensgroßen Figuren sich befinden. Zwei dieser Gemälde haben die Ruck 
kehr Kaisers Franz I. in den Jahren 1809 und 1814 von den Schlachtfeldern und eines die 
erste Ausfahrt des Monarchen nach dessen schwerer Krankheit im Jahre 1826 zum Gegen- 
*) P. Fuhrmann.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.