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Full text : Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts : ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung, Band 2: Hochbau und Architektur, Plastik und Kunstsammlungen

Die  Entwicklung  der  Architektur  Wiens  in  den  letzten  fünfzig  Jahren.

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die  beabsichtigte  Reinigung  der  Renaissance  durch  die  Substituierung  des  ursprünglichen  und
feineren  griechischen  Details  statt  des  abgeleiteten  römischen  in  den  Zierformen  und  Profilierungen. ­
  Mit  dem  Palais  des  Freiherrn  von  Sina  am  Hohen  Markt  und  dem  evangelischen  Schulhause ­
  an  der  Wiedener  Hauptstraße  (1859—1861)  beginnt  so  ziemlich  diese  zweite,  fruchtbarste ­
  Epoche  der  Bautätigkeit  Hansens.  Nebenher  gefiel  er  sich  noch  in  rein  antikisierenden
Lieblingsideen  (siehe  seinen  Rekonstruktionsentwurf  für  das  Burgtor,  Abb.  5);  doch  jene  eben
bezeichnete,  gleichsam  vermittelnde  Tendenz  klärte  sich  zum  edelsten  Geschmack  im  Palast  des
Deutschmeister-Ordens  am  Parkring  (1864)  und  fand  weiter  einen  charakteristischen  Ausdruck
in  dem  Giebelbau  wie  in  den  goldgleißenden  Sälen  des  Musikvereinsgebäudes  (1867—1869).
Sonst  erwies  sich  der  formenstrenge  Hellenist  in  seinen  weiteren  Zinshausbauten  und
Palästen  (ehemaliges  Palais  Epstein,  Haus  von  Ephrussi  u.  s.  f.)  durchaus  als  Praktiker  und
echt  moderner  Baukünstler:  er  disponierte  auch  seine  Bauten  in  dem  großen  Rhythmus  der
Verhältnisse  entschieden  nach  den  Prinzipien  der  Renaissance,  wenn  er  auch  statt  der  Säulenordnungen ­
  Vignolas  stets  seine  griechischen  Originalsäulen  —  mit  Vorliebe  die  attisch-ionische
und  die  korinthische  vom  Lysikratesdenkmal  (siehe  Abb.  6)  —  setzte  und  von  weiblichen
Gewandfiguren  als  Gebälkträgerinnen  (nach  dem  Vorbild  der  herrlichen  Karyatidenhalle  des
Erechtheion)  einen  ausgiebigen  Gebrauch  machte.  Den  römischen  Umbildungen  der  griechischen ­
  Säulentypen  ging  Hansen  grundsätzlich  aus  dem  Wege  und  bediente  sich  aushilfsweise
nur  der  römisch-dorischen  Säule  wegen  der  ihm  in  gewissen  Fällen  unentbehrlichen  Basis;
so  am  Portalbau  der  Akademie  der  bildenden  Künste  und  in  der  Aula  daselbst,  ferner  in
der  unteren  Säulenstellung  des  Saales  der  mit  Karl  Tietz  erbauten  Börse.
Bereits  in  dieser  Epoche  hatte  Hansen  das  stärkste  Verlangen  nach  Goldglanz  und
Farbe  zur  Vervollständigung  der  architektonischen  Wirkung.  Am  obersten  Geschoß  des  Heinrichshofes ­
  —  in  welchem  Bau  er  übrigens  vermöge  der  Bewältigung  und  Verteilung  der  Massen
ein  echtes,  volles  Renaissanceproblem  löste  —  durfte  er  sich  farbige  Fruchtgehänge,  kolorierte
Wandstreifenornamente  auf  goldigem  Grund  gestatten,  zuletzt  als  höchsten  Festschmuck  die
mitten  im  Golde  schwebenden,  leider  stark  nachdunkelnden  Frauengestalten  Rahls.  Mit  diesem
Künstler  verbündete  sich  Hansen  seit  jeher  gern;  so  schon  im  Waffenmuseum  des  Arsenals,
dann  in  der  glänzenden  Ausstattung  der  Wohnungsräume  des  noch  mit  Ludwig  Förster  gemeinsam ­
  erbauten  Palais  Todesco  (1861  —1864).  —  Es  ist  bemerkenswert,  wie  künstlerisch
ideale  und  rein  praktische  Absichten  zuweilen  ineinanderlaufen.  Mit  dem  Heinrichshof  gelangte
der  „zweite  Stil“  Hansens  sogar  zur  autoritativen  Geltung  für  die  Bauspekulation;  er  wurde  bald
der  Normalstil  für  die  Baugesellschaften.  Kalkül  und  Geschmack  verständigten  sich  da  sehr  rasch.
In  die  unmittelbare  Nähe  Hansens  trat  damals  Karl  Tietz  (geb.  zu  Jastrow  in  Preußen,  gest.
in  Döbling  1874),  mit  einer  gewissen  freieren  Formenbeweglichkeit  der  antikisierenden  Richtung
Hansens  sich  anschließend.  Von  ihm  stammen  das  Palais  Schlick  in  der  Rossau,  das  Grand
Hötel  am  Kärntnerring  (1866),  das  Kleinsche  Haus  an  der  verlängerten  Wollzeile,  mehrere
Häuser  in  der  Maximilianstraße.  Neben  Tietz,  mehrfach  wieder  dem  durchschnittlichen  modernen ­
  Renaissancetypus  sich  nähernd,  traten  Heinrich  Claus  und  Josef  Groß  hinzu:  mit  dem
Römischen  Bad,  der  Polizeidirektion  am  Schottenring  (vorerst  als  Hotel  gebaut),  dem  Hotel
Britannia  (jetzt  Justizministerium)  am  Schillerplatz  u.  s.  f.
Bei  diesen  Architekten  und  einer  derselben  verwandten  Gruppe  gibt  sich  die  Anlehnung
an  bestimmte  künstlerische  Impulse  in  verschiedenen  Abstufungen  zu  erkennen,  während  zu
gleicher  Zeit  eine  andere  Linie  der  Entwicklung  beginnt:  die  der  selbständig  gepflegten
Baupraxis,  welche  aus  sich  heraus  einen  eigenen  kunstgemäßen  Ausdruck  zu  gewinnen  sucht.
Ohne  tiefergehende  Stilabsichten,  war  es  damit  zuvörderst  auf  Geschmack  im  Arrangement,
auf  gefällige,  womöglich  effektvolle  Erscheinung  abgesehen.  Aus  einer  derartigen  Auffassung
resultierte  denn  für  das  baulustige  Wien  dieser  Epoche  eine  eigene,  fröhliche  Richtung  der
Renaissance,  teils  von  italienischer,  teils  von  französischer  Herkunft  der  Motive,  mit  dem  ausgesprochenen ­
  Zug  nach  Opulenz,  mit  einem  glücklichen  Geschick  für  wechselreiche,  dekorative ­
  Inszenierung.  Man  kann  dies  als  Merkmale  der  „Wiener  Renaissance“  bezeichnen.
Johann  von  Romano  (geb.  zu  Konstanz  1818,  gest.  1882)  und  August  von  Schwendenwein ­
  (geb.  zu  Wien  1817,  gest.  1885)  sind  die  Führer  dieser  Richtung,  die  bald  Nachfolge
fand.  Zu  ihren  charakteristischen  Bauten  gehören  in  erster  Reihe  die  Palais  des  Freiherrn
von  Schey  (1866),  des  Fürsten  Colloredo-Mannsfeld,  die  Häuser  von  N.  von  Dumba,
V.  von  Ofenheim,  das  adelige  Kasino  am  Kolowratring  (1867),  das  von  Wienersche  Haus
am  Schwarzenbergplatz,  das  Palais  des  Grafen  von  Henckel-Donnersmarck  (1871)  u.  a.  m.
Romano  und  Schwendenwein  waren  so  recht  die  Architekten  für  reiche  Leute  und  verstanden
            
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