Die Entwicklung der Architektur Wiens in den letzten fünfzig Jahren.
13
Absicht, diese Bauspezies zu stilisieren, mit guter Materialwirkung behandelt erscheint. Nun
folgt eines dieser Verkaufshäuser dem anderen nach. Das Schaufenster ist da zum konstituierenden
Motiv des ganzen Baues geworden; die Architektonik bildet nur die Einrahmung für
den geschäftlichen Zweck. Immerhin wäre es interessant, es weiter zu verfolgen, wie findig
und zum Teil erfindungsreich sich der Bausinn hier mit dem Industrialismus verständigt hat.
Auf die Stilform der deutschen Renaissance, die denn auch mit verschiedenen
Anläufen sich gelegentlich einstellte, führt uns nun der Gang unserer Betrachtung. Es war
der Stil des wohlgestellten Bürgertums von ehedem, der in Wien durch den Hof- und
Adelsstil des Barocks im 17. und 18. Jahrhundert wie hinweggefegt wurde; der letzte Gedenkbau
jener Herkunft, das Pachnersche Haus am Graben mit seinem dreigeschossigen Arkadenhof
und dem spätgotischen Stiegenturm in der Ecke — fiel der modernen Bauspekulation zum
Opfer und wurde dem Neubau des Grabenhofes (von Thienemann) zulieb demoliert. Seit 1873
meldete sich die deutsche Renaissance nur episodisch an, gleichsam als Amateurstil, zuerst in
dem neuen, eleganten Quartier des vierten Bezirkes, nächst der Alleegasse, um dann im Jahre
1880 am Maximilianplatz, in einem Fall auch am Stephansplatz vorläufig innezuhalten. Wohl
die erste Stilprobe dieser Gattung war das reizend intime Wohnhaus Plösslgasse Nr. 2
(von H. Ernst und L. Wächtler); dann folgten nach: das Haus Karolinengasse Nr. 16a
(Alois Wurm); ein sehr gefälliges Zinshaus, Strohgasse Nr. 11 (Franz Roth); das behagliche
Familienhaus in der Veithgasse von Josef von Wieser. Anläßlich der Vollendung
der Votivkirche nahm Ferstel vorübergehend auch Stellung zur deutschen Renaissance.
Es kam ihm in diesem Fall darauf an, daß die Ausgestaltung des Maximilianplatzes, der
das Chorhaupt und die Seiten der Kirche umfaßt, einen passenden Rahmen für die Architektur
derselben bilde; und dafür schien ihm denn mit Recht diese Stilart am geeignetsten
zu sein. Zwei Giebelhäuser, konsequent durchgebildete Lehrbeispiele dieses Stils, sind von
Ferstel selbst: die Pfarre und das Haus Nr. 10, in welchem er zuletzt wohnte. Die Häuser, welche
am Rande den Platz gegen die Universitätsstraße einerseits und gegen die Währingerstraße anderseits
abschließen, haben Arkaden; jenes, in einfach edlen Verhältnissen angeordnet, ist wieder
von Ferstel, das letztere von Emil von
Förster, der hier den Eindruck durch
Diamantquadern im Erdgeschoß und Säulen
darüber ins Palastartige zu steigern
suchte. Später griff man wieder zu dieser
Stilgattung zurück — zunächst wegen des
Bedarfes der Formenabwechslung bei der
anwachsenden Bautätigkeit. Motive dieses
Stils vereinigte J. Deininger zu neuem,
eigenartigem Gesamteindruck im van
Swieten-Hof (Rotenturmstraße). Hie und
da gotisiert die deutsche Renaissance in
einer weiteren Spielart (wie in dem Annahof
mit seinen Erkern und altdeutsch
verschnörkelten Wandbildern oder vollends
in den abenteuerlich pittoresken
Formen des Hotels Meißl & Schadn von
Hofmeier). Nicht ohne einen gewissen
Effekt verbindet sie sich ein andermal
mit barocker Dekoration, wie an dem
Rothbergerschen Geschäftshaus am Stephansplatz
(von Fellner & Helmer). Am
meisten befremdend wirkt die Anwendung Abb 6 Kapitâl vom Parlaraentsgcbäudc . Nach einer „aturgroßen
der deutschen Renaissance auf die Theater- Handzeichnung von xheophii von Hansen,
anlage beim Kaiser-Jubiläums-Stadttheater
mit Giebel, Ecktürmen und bauchiger Ausrundung des Baues, obgleich man den Mut der seltsamen
Originalität dabei immerhin gelten lassen mag (Architekten: Baron Krauß und A. Graf).
Wir kommen immer mehr in den vollen, breiten Zug der Vielbauerei. Für die verschiedensten
Bedürfnisse mit einer überraschend prompten Verfügung über bequem adaptierte