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Full text : Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts : ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung, Band 2: Hochbau und Architektur, Plastik und Kunstsammlungen

Die  Entwicklung  der  Architektur  Wiens  in  den  letzten  fünfzig  Jahren.

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Absicht,  diese  Bauspezies  zu  stilisieren,  mit  guter  Materialwirkung  behandelt  erscheint.  Nun
folgt  eines  dieser  Verkaufshäuser  dem  anderen  nach.  Das  Schaufenster  ist  da  zum  konstituierenden ­
  Motiv  des  ganzen  Baues  geworden;  die  Architektonik  bildet  nur  die  Einrahmung  für
den  geschäftlichen  Zweck.  Immerhin  wäre  es  interessant,  es  weiter  zu  verfolgen,  wie  findig
und  zum  Teil  erfindungsreich  sich  der  Bausinn  hier  mit  dem  Industrialismus  verständigt  hat.

Auf  die  Stilform  der  deutschen  Renaissance,  die  denn  auch  mit  verschiedenen
Anläufen  sich  gelegentlich  einstellte,  führt  uns  nun  der  Gang  unserer  Betrachtung.  Es  war
der  Stil  des  wohlgestellten  Bürgertums  von  ehedem,  der  in  Wien  durch  den  Hof-  und
Adelsstil  des  Barocks  im  17.  und  18.  Jahrhundert  wie  hinweggefegt  wurde;  der  letzte  Gedenkbau ­
  jener  Herkunft,  das  Pachnersche  Haus  am  Graben  mit  seinem  dreigeschossigen  Arkadenhof
und  dem  spätgotischen  Stiegenturm  in  der  Ecke  —  fiel  der  modernen  Bauspekulation  zum
Opfer  und  wurde  dem  Neubau  des  Grabenhofes  (von  Thienemann)  zulieb  demoliert.  Seit  1873
meldete  sich  die  deutsche  Renaissance  nur  episodisch  an,  gleichsam  als  Amateurstil,  zuerst  in
dem  neuen,  eleganten  Quartier  des  vierten  Bezirkes,  nächst  der  Alleegasse,  um  dann  im  Jahre
1880  am  Maximilianplatz,  in  einem  Fall  auch  am  Stephansplatz  vorläufig  innezuhalten.  Wohl
die  erste  Stilprobe  dieser  Gattung  war  das  reizend  intime  Wohnhaus  Plösslgasse  Nr.  2
(von  H.  Ernst  und  L.  Wächtler);  dann  folgten  nach:  das  Haus  Karolinengasse  Nr.  16a
(Alois  Wurm);  ein  sehr  gefälliges  Zinshaus,  Strohgasse  Nr.  11  (Franz  Roth);  das  behagliche ­
  Familienhaus  in  der  Veithgasse  von  Josef  von  Wieser.  Anläßlich  der  Vollendung
der  Votivkirche  nahm  Ferstel  vorübergehend  auch  Stellung  zur  deutschen  Renaissance.
Es  kam  ihm  in  diesem  Fall  darauf  an,  daß  die  Ausgestaltung  des  Maximilianplatzes,  der
das  Chorhaupt  und  die  Seiten  der  Kirche  umfaßt,  einen  passenden  Rahmen  für  die  Architektur ­
  derselben  bilde;  und  dafür  schien  ihm  denn  mit  Recht  diese  Stilart  am  geeignetsten
zu  sein.  Zwei  Giebelhäuser,  konsequent  durchgebildete  Lehrbeispiele  dieses  Stils,  sind  von
Ferstel  selbst:  die  Pfarre  und  das  Haus  Nr.  10,  in  welchem  er  zuletzt  wohnte.  Die  Häuser,  welche
am  Rande  den  Platz  gegen  die  Universitätsstraße  einerseits  und  gegen  die  Währingerstraße  anderseits ­
  abschließen,  haben  Arkaden;  jenes,  in  einfach  edlen  Verhältnissen  angeordnet,  ist  wieder
von  Ferstel,  das  letztere  von  Emil  von
Förster,  der  hier  den  Eindruck  durch
Diamantquadern  im  Erdgeschoß  und  Säulen ­
  darüber  ins  Palastartige  zu  steigern
suchte.  Später  griff  man  wieder  zu  dieser
Stilgattung  zurück  —  zunächst  wegen  des
Bedarfes  der  Formenabwechslung  bei  der
anwachsenden  Bautätigkeit.  Motive  dieses
Stils  vereinigte  J.  Deininger  zu  neuem,
eigenartigem  Gesamteindruck  im  van
Swieten-Hof  (Rotenturmstraße).  Hie  und
da  gotisiert  die  deutsche  Renaissance  in
einer  weiteren  Spielart  (wie  in  dem  Annahof
  mit  seinen  Erkern  und  altdeutsch
verschnörkelten  Wandbildern  oder  vollends ­
  in  den  abenteuerlich  pittoresken
Formen  des  Hotels  Meißl  &  Schadn  von
Hofmeier).  Nicht  ohne  einen  gewissen
Effekt  verbindet  sie  sich  ein  andermal
mit  barocker  Dekoration,  wie  an  dem
Rothbergerschen  Geschäftshaus  am  Stephansplatz ­
  (von  Fellner  &  Helmer).  Am
meisten  befremdend  wirkt  die  Anwendung  Abb  6  Kapitâl  vom  Parlaraentsgcbäudc .  Nach  einer  „aturgroßen
der  deutschen  Renaissance  auf  die  Theater-  Handzeichnung  von  xheophii  von  Hansen,
anlage  beim  Kaiser-Jubiläums-Stadttheater
mit  Giebel,  Ecktürmen  und  bauchiger  Ausrundung  des  Baues,  obgleich  man  den  Mut  der  seltsamen
Originalität  dabei  immerhin  gelten  lassen  mag  (Architekten:  Baron  Krauß  und  A.  Graf).
Wir  kommen  immer  mehr  in  den  vollen,  breiten  Zug  der  Vielbauerei.  Für  die  verschiedensten ­
  Bedürfnisse  mit  einer  überraschend  prompten  Verfügung  über  bequem  adaptierte
            
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