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Full text: Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts : ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung, Band 2: Hochbau und Architektur, Plastik und Kunstsammlungen

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Die Entwicklung der Architektur Wiens in den letzten fünfzig Jahren. 
Stilformen standen Ferdinand Fellner und sein Kompagnon Hermann Helmer mit ihrem wohl 
bestellten Atelier jederzeit in Bereitschaft; neben ihrer bewährten Spezialität im Theaterbau 
fach, von welcher sie hierorts im Stadttheater von früher her und im Volkstheater allbekannte 
Proben gaben, entwickelten beide Architekten noch sonst an Ort und Stelle eine erstaunlich 
vielseitige Bautätigkeit. Die Sternwarte in Währing, das sogenannte „Eiserne Haus“ in der 
Kärntnerstraße, das Thonetsche Haus am Stephansplatz, das mit Marmor verkleidete Palais 
der Herzogin de Castries in der Rotenturmstraße, das Wohnhaus von Josef Sturany mit den 
Portalfiguren von Kundmann am Schottenring wären hier zuvörderst anzuführen, ln diesen und 
so manchen anderen Bauten verstanden es Fellner und Helmer, bei großer Beweglichkeit der 
Formenwahl einen an Abwechslung reichen und auf die gute Gesamtwirkung wohlberechneten 
Eindruck zu erzielen; in einzelnen Fällen faßten sie auch die Aufgabe feiner und strenger, 
so z. B. in dem Palais des Grafen Lanckorohski (Jacquingasse). Für den Privatbau stellt 
durch außergewöhnliche Leistungsfähigkeit ganz besonders Ludwig Tischler seinen Mann. 
Er war von 1869—1874 als Chefarchitekt der Wiener Baugesellschaft tätig und kann die Ziffer 
von mehr als 150 Bauten nachweisen. Ein rasches Eingehen auf verschiedene Bedürfnisse, ein 
praktisch durchgeübter Baugeschmack, soweit auf denselben reflektiert wird, stehen diesem 
Architekten jederzeit zu Gebote. 
VI. 
Wir müssen in unserer Darstellung nunmehr zu jenen vorläufig abschließenden Bauschöpfun 
gen übergehen, in welchen sich, von verschiedenen Seiten ausgehend, das architektonische 
Können der ganzen Epoche zum vollsten Ausdruck bringt. Dies konnte nur in Monumental 
bauten geschehen. Durch ein glückliches Zusammentreffen der Bauaufträge reihen sich dieselben 
vom Burgring bis ans Ende des Franzensringes in unmittelbarer Folge aneinander. Um den 
Rathauspark stellen sich zunächst jene machtvollen Bauwerke, in welchen die bauschöpferische 
Kraft der Haupt-Architekten Wiens: Hansen, Schmidt, Ferstel, denen wir bis jetzt auf den 
einzelnen Stationen ihres Kunstganges folgten, sich imponierend zusammenfaßt. 
Hansens Reichsratsgebäude (eröffnet 4. Dezember 1883) ist in vollem Sinne ein 
Bekenntnisbau seiner künstlerischen Gesinnung. Seine nächste Vorstufe dafür war die von 
ihm in reinem antikem Tempelstil erbaute Akademie der Wissenschaften in Athen, welche 
schon viel früher entworfen und begonnen, aber unter verschiedenen Hemmungen erst 
nach unserem Reichsratsbau vollendet wurde. Wohl hätte man glauben sollen, daß ein Ge 
bäude von so modern aktueller Bestimmung, wie das Parlamentshaus, nicht auch eine ähnliche, 
fast eigensinnig klassische Ausgestaltung finden könne: und dennoch führte hier Hansen ebenso 
seine gesäulte und gegiebelte Tempelarchitektur durch, nur für die beiden Saalbauten den zwei 
geschossigen Palasttypus (obenan mit plastisch geschmückten Attiken) sich vorbehaltend. Doch 
eben diese Art der Gruppierung ist überraschend eigentümlich und genial. Modern ist übrigens 
trotz allem Purismus der hellenischen Formenhaltung die ganze Bauanlage in bezug auf das 
architektonisch Wesentliche der Planbeherrschung, der Großartigkeit und doch auch Über 
sichtlichkeit der räumlichen Disposition, die weit über das einfache antike Schema hinausgeht. 
Für diesen seinen Hauptbau in Wien regte sich denn bei Hansen wieder im höchsten Maße 
seine alte Sehnsucht nach Farbe und Vergoldung, die ihm hier zur Komplettierung der exakt 
griechischen Formengebung, wie an seiner Akademie zu Athen, geradezu unentbehrlich schien. 
In der äußerst fein gestimmten Polychromic im Inneren und dem Goldglanz der Kapitale 
der mittleren Prachthalle konnte der Meister wohl dieses Bedürfnis stillen, aber im Außenbau 
mußte er zu seinem Schmerz darauf verzichten. Wir haben es eben nicht zu bedauern. Wenn 
Phöbus im Süden Formen und Farben hervorruft, so löscht Jupiter Pluvius letztere in unserem 
Norden wieder aus. 
Wir wenden uns nun dem Rathaus zu, dessen Schlußsteinlegung am 12. September 1883 
erfolgte. Auch Friedrich von Schmidt hatte hier mit seiner Gotik nicht minder zu einer 
durchaus modernen Aufgabe Stellung zu nehmen wie Hansen im Reichsratsgebäude mit seinem 
klassischen Hellenismus: Der Kommunalpalast in unseren Tagen, die Behausung für die Re 
präsentanz und das vielfach ausgebreitete Verwaltungswesen einer Großstadt stellt etwas wesent 
lich anderes vor als das mittelalterliche Rathaus der deutschen Reichsstädte oder das zwischen 
dem 14. und 16. Jahrhundert so glänzend entwickelte Stadthaus der Spätgotik in den Nieder 
landen. Auf die intimeren Reize dieser von Stadt zu Stadt sorgsam gepflegten Lokalstile kann 
man heutigen Tages überhaupt nicht weiter reflektieren. Schon die Masse des Wiener Rat-
	        
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