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Full text: Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts : ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung, Band 2: Hochbau und Architektur, Plastik und Kunstsammlungen

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Gebäude für Bildung und Unterricht. 
V. GEWERBLICHE LEHRANSTALTEN. 
Das gewerbliche Bildungswesen in Österreich zerfällt in drei Gruppen von Anstalten, 
welche sich mit der Vorbildung, der Ausbildung und Fortbildung von Angehörigen des Ge 
werbestandes befassen. Bei einzelnen Instituten und Schuleinrichtungen treten die hier auf 
gezählten Zwecke als Ziel der Organisation untereinander verbunden oder mannigfaltig mit 
einander verflochten auf. Die gewerblichen Abend- und Sonntagsschulen, Fortbildungsschulen, 
welche Lehrlingen der Meisterlehre eine theoretische Ergänzung ihrer Befähigung bieten sollen, 
unterliegen in Niederösterreich, daher auch in Wien, der Landesgesetzgebung. Für ihre räum 
liche Unterkunft ist ausnahmslos durch bestehende Volks- und Bürgerschulgebäude vorgesorgt. 
Manche dieser Fortbildungsschulen sind auch in Realschulen und Gymnasien untergebracht. 
Selbständige Gebäude für gewerbliche Fortbildungsschulen existieren nicht, daher treten 
dieselben auch äußerlich nicht in die Erscheinung und können daher auch nicht Gegenstand 
der weiteren Erörterung in diesem Buche bilden. Die Spezialschulen, Fachschulen mit Tages 
unterricht zum Zwecke der Ausbildung von gewerbetreibenden jungen Leuten sind durch 
eine Anzahl von Beispielen in Wien vertreten. Schulgebäude, für diese Anstalten speziell er 
richtet, bestehen nicht, daher entzieht sich auch diese Gruppe der Schulen der Erörterung 
an diesem Platze. Der Hoftrakt eines Gebäudes in der Marchettigasse, in welchem die Fach 
schule für Textilindustrie untergebracht ist, bildet eine bedeutungslose Ausnahme von dem 
eben Gesagten. Für Staatsgewerbeschulen, das sind Bündel von Fachschulen mit vorwiegend 
theoretischem Unterrichte für die Ausbildung von künftigen Angehörigen der mechanisch 
technischen, bautechnischen oder kunstgewerblichen Produktionsrichtung bestehen zwei Bei 
spiele in Wien, und zwar die höhere Staatsgewerbeschule mechanisch und bautechnischer 
Richtung im I. Bezirke und die Staatsgewerbeschule (niedere Staatsgewerbeschule) oder Werk 
meisterschule mechanisch-technischer Richtung im X. Bezirke. Das Gebäude der ersteren ist nach 
den Plänen der Architekten Avanzo und Lange erbaut, die Baulichkeiten für das letztere 
Institut rühren vom Stadtbauamte her. Eine Anstalt, welche einen Rang zwischen der Mittel 
schule und der Hochschule einnimmt, ist das k. k. Technologische Gewerbe-Museum in Wien, 
welches in einem Gebäudekomplex untergebracht ist, der von vier Straßen umgeben wird, 
Währingerstraße, Prechtlgasse, Severin- und Eisengasse, und aus einer Anzahl von Gebäuden 
besteht, die in verschiedenen Perioden entstanden sind. Bevor auf die Details dieses Baues 
eingegangen wird, soll hier eine Darstellung der Vorgeschichte des Institutes gegeben werden, 
welche einen Ausfluß aus der Entwicklungsgeschichte des gewerblichen Bildungswesens bildet. 
Bei der gewerblichen Produktion, welche bis zu Ende des 18. Jahrhunderts Handwerk 
oder Manufaktur war, trat bekanntlich durch die Einführung der Dampfmaschine eine neue 
Produktionsform auf den Plan, gekennzeichnet durch die Kraftmaschine, die Werkzeug- und 
Arbeitsmaschine und das Prinzip der Teilung der Arbeit, mit einem Worte: die Fabrik. Der 
Fabriksarbeiter wurde aber ausschließlich durch (natürliche Verjüngung) Inzucht gewonnen. 
Niemand verfiel auf den Gedanken einer wissenschaftlichen Vorbereitung, einer planmäßigen 
Erziehung des Arbeiternachwuchses. Dabei trat die Fabrik gegenüber der Werkstätte des 
Handwerkers so in den Vordergrund, daß die letztere fast ganz in Vergessenheit geriet. Viele 
Produkte des Gewerbefleißes übernahm völlig die Fabrikation und eine Gruppe von Gewerbe 
betrieben nach der anderen verschwand. Die auf den neu erfundenen Maschinen und chemi 
schen Prozessen beruhende Produktion des 19. Jahrhunderts ist in unaufhaltsamer, außer 
ordentlich rascher Zunahme begriffen, stand auffallend im Vordergrund des Interesses, gestaltete 
so sehr von Grund aus alle Verkehrsformen, das öffentliche Leben und die Anschauungen 
um, daß die oberflächlich Beobachtenden zu der Ansicht gelangten, man könne alles Weitere 
dem freien Spiel der Kräfte überlassen. Stellte sich irgendwo ein Mangel ein, so trachtete 
man, ihm unmittelbar abzuhelfen. Und so waren es zunächst die Bedürfnisse, die sich in der 
Großindustrie fühlbar machten, denen man Rechnung zu tragen suchte. Bei dem Ingenieur 
wesen, wie es der Hoch-, Straßen-, Wasser-, Brücken- und Eisenbahnbau zeitigte und wie es 
das Maschinenwesen bedurfte, ging es mit der natürlichen Verjüngung des Nachwuchses gar 
nicht. Die polytechnischen Institute, die Akademien für einzelne technische Zweige, später die 
technischen Hochschulen lieferten den zukünftigen Ingenieur, während dem Arbeiterstande 
nur der bloß empirisch Ausgebildete eingereiht werden konnte. Die Fälle, daß der Praktiker, 
sich selbständige theoretische Kenntnisse erwerbend, zum Range eines Ingenieurs aufstieg, 
gehörten zu den Seltenheiten und werden dann oft nur in der Geschichte der Erfindungen
	        
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