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Die Entwicklung der Architektur Wiens in den letzten fünfzig Jahren.
zwar ziemlich schnell entschied: es war der Übergang zur letzten Phase der Renaissance,
dem Barockstil.
Dieser Übergang hatte einen doppelten Grund. Einmal die vermeintliche Erschöpfung
der Renaissanceformen, die man bis jetzt so vielfach schon in Gebrauch genommen hatte.
Für die fortgesetzte Verstärkung der Motive, welche vorerst auf eigene Hand versucht wurde,
hatte man im Barockstil das Vorbild eines bereits vollzogenen Prozesses vor sich, und daran
ließ sich weit bequemer anknüpfen. Aber noch ein zweiter Antrieb kam hinzu, von jedenfalls
tieferer Berechtigung. Man erinnerte sich zuletzt doch daran, daß wir in Wien selbst
historisch keine irgendwie nennenswerte Hochrenaissance, wohl aber eine Spätrenaissance und
ein eigenwüchsiges Barock besitzen, welches namentlich in den Bauwerken von Johann Bernhard
Fischer von Erlach und Lukas Hildebrand in imponierender Vollkraft auftritt. Die Hochrenaissance
nach den auswärtigen Mustern ihrer Blütezeit ist erst durch moderne Studien nach Wien
verpflanzt worden; es lag doch etwas künstlich Absichtliches in dieser sonst sehr gerechtfertigten,
ja unerläßlichen Anknüpfung. In der Wiederaufnahme des Barocks gab sich aber
ganz entschieden das architektonische Ortsgefühl kund; das Wiener Naturell ging sofort mit,
es war vom ersten Anlauf an eine populäre Bautendenz. Dies zeigte sich sehr deutlich in der
zustimmenden Haltung des Publikums, als sich die Torflügel des großen Portals der Fassade
der Hofburg am Michaelerplatze (8. September 1893) dem allgemeinen Verkehr eröffneten.
Nach der Demolierung des alten Burgtheaters war im April 1890 die Bewilligung des Kaisers
zur Wiederaufnahme jenes Baues nach etwa 157 Jahren erfolgt. Fischer von Erlach, der Sohn,
mußte ihn damals nach 1737 als einen Torso zurücklassen, von dem nur der eine, reich
ausgestaltete Risalit als Abschluß der Winterreitschule mit der schön tapezierten Zierkuppel
obenauf und das unbedeckte Bruchstück der Einfahrtsrotunde halb ruinenhaft bis in unsere
Tage dastand. Burghauptmann Ferdinand Kirschner, sonst als Architekt kaum bekannt,
ging vom Juni 1890 an das Werk des Ausbaues, um ihn in drei Jahren fertig zu bringen.
Es geschah dies im Anschluß an den bekannten Kupferstich von Salomon Kleiner in
bester Absicht, doch in der Ausführung durchaus nicht einwandfrei; besonders die Kuppel
über dem Mittelbau mit der willkürlichen Zutat der Lukarnen ringsum steigt allzu steil empor
im Gegensatz zu der weichgeschwungenen Umrißbildung der Kuppeln über den Eckrisaliten.
Die ersten Versuche der Erneuerung des Barockstils datieren aber schon um mehr als
ein Jahrzehnt früher. In dem Viertel zwischen Alleegasse und Heugasse, wo nacheinander verschiedene
Stilformen probiert wurden, meldete sich auch dieser Stil an. Gustav Korompay faßte
in dem Palais Zierer (1880) daselbst sein fein anempfundenes Barock zunächst von der zierlich
dekorativen Seite. Früh genug zog nun das Neubarock durch die Innere Stadt, bald gemäßigter,
bald wieder übermütiger, nicht selten auch für den gewöhnlichen Bedarf konventionell sich
verflachend. Die bedeutenderen Architekten sahen wohl beizeiten ein, daß es dringend geraten
sei, von dem Barock in neuer Auflage einen besonnenen Gebrauch zu machen und dasselbe
ja nicht aus dem Zusammenhang mit der normalen Renaissance, selbst mit der Antike völlig
foszulösen, weil ein Spätstil bei unbedingter Wiederaufnahme sich um so rascher ausleben
müßte.
Karl König hat die Aufgabe in diesem Sinne verstanden und echt künstlerisch gelöst.
In seinem Philipphof (1883) faßte er den barocken Palast nach seiner repräsentativen
Vornehmheit, ohne neben dem entschiedenen Ausdruck der Formen dem Gelüste spielender
Verschnörkelung nachzugeben. Die Gesamtwirkung ist sehr wohl abgewogen; die ausgerundete
Kopfseite des Baues mit der sie umfassenden, klassisch-korinthischen Säulenstellung, obenauf
mit der Kuppel, die gleichsam das Motiv der Burgfassade ankündigt, und davor mit dem
Heliosgespann des so begabten, frühverstorbenen Barockbildners Theodor Friedei — diese
ganze bauliche Komposition beherrscht als Vedute geradezu den Albrechtsplatz und die Operngasse
bis über die Ringstraße hinaus. In dem gräflich Herbersteinschen Palais (Ecke der
Schauflergasse) schließt König die ältere Palastarchitektur der Herrengasse mit einem wohldisponierten
modernen Barockbau glücklich ab. Seine Frucht- und Mehlbörse (in der Taborstraße)
zeigt wieder die Formenfülle reichster Hochrenaissance, bei allem Aufgebot ihrer glänzend
gesteigerten Mittel. — Über die barocken Formen verfügten überdies mit großer Gewandtheit
Adam Breßler, Rumpelmeyer (letzterer z. B. in dem Palais von Baumgarten in der Schwindgasse)
und fanden bald noch weitere Nachfolger, so L. Baumann mit der Konsularakademie
in der Waisenhausgasse u. a. Nach der Regelung der Gußhausstraße (1897) stellten sich Karl
und Julius Mayreder im Kreuzherrenhof mit einem trefflichen Barock ein, von einer gewissen
geistlichen Gravität, die hier ganz am Platze ist.