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Full text : Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts : ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung, Band 2: Hochbau und Architektur, Plastik und Kunstsammlungen

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Humanitätsanstalten.

Flügel  ein  ebenerdiger  Anbau  für  zwei  Sezierkammern  angefügt.  Die  innere  Einteilung  des
Gebäudes  zeigt  den  zur  Zeit  seiner  Errichtung  üblichen,  durch  große  Zimmertiefe  verschlechterten ­
  Korridortypus  und  bietet  nichts  Bemerkenswertes.  Als  im  Jahre  1890  Erzherzogin  Maria
Valerie  und  ihr  Gemahl  Erzherzog  Franz  Salvator  das  ihnen  vom  Gemeinderate  der  Stadt
Wien  gewidmete  Hochzeitsgeschenk  von  100.000  K  zur  Erbauung  eines  Pavillons  für  an
Diphtheritis  erkrankte  Kinder  widmeten,  beschloß  das  Verwaltungskomitee,  auf  dem  von  der
Kaiserin  Maria  Anna  gespendeten  Grundstücke  den  Diphtheriepavillon  derart  anlegen  zu  lassen,
daß  im  Anschluß  an  denselben  später  auch  eine  davon  vollständig  unabhängige  Abteilung
für  Scharlachkranke  erbaut  werden  könne.  Das  Programm  zu  dem  am  30.  Juni  1893  eröffneten
Diphtheriepavillon  wurde  von  dem  damaligen  Direktor  Dr.  Freiherrn  von  Widerhofer  mit  dem
Architekten  F.  von  Gruber  beraten,  der  Entwurf  des  Pavillons  von  dem  letzteren  ausgearbeitet
und  unter  dessen  Leitung  ausgeführt,  ln  den  Jahren  1894—1895  folgte  dann  der  Bau  des
Scharlachpavillons  unter  Intervention  derselben  Personen.  Mit  Rücksicht  auf  die  Beengtheit  der
Area  mußte  von  der  bei  Pavillons  für  Infektionskrankheiten  besten,  ausschließlich  erdgeschossigen
Anlage  abgesehen  und  bei  dem  westlichen  Flügel  des  Pavillons  für  Scharlach  sogar  auf  eine
dreigeschossige  Anlage  gegriffen  werden,  damit  der  angesprochene  Raumbedarf  gedeckt  werden
konnte,  ohne  den  kleinen  Garten  noch  mehr  zu  zerstören.  Von  dem  5310  m-  messenden
Grundstücke  sind  gegenwärtig  1662  m 2  überbaut.  Die  Diphtherieabteilung,  welche  auch  drei
Zimmer  für  Kinder  vermögender  Familien  enthält,  bietet  Raum  für  23,  die  Scharlachabteilung
für  22  Betten.  In  den  großen  Zimmern  entfallen  38  m 3 ,  in  den  Isolierzimmern  55  bis  61  m 3  an
Luftraum  pro  Kranken.  Jede  Abteilung  hat  im  Keller  gesonderte  Desinfektionsräume.  Bei  der
Konstruktion  ist  das  Holz  auf  die  Herstellung  der  Tür-  und  Fensterverschlüsse  beschränkt  und
in  jeder  Beziehung  auf  die  leichte  Reinigung  und  Desinfektion  aller  Teile  geachtet.  Die
Niederdruckdampfheizung  ist  mit  Einrichtungen  der  sogenannten  natürlichen  Ventilation  kombiniert. ­
  In  der  Diphtherieabteilung  wird  den  Krankenzimmern  zur  Luftbefeuchtung  auf  80  bis
90%  von  einem  im  Keller  aufgestellten  besonderen  Kessel  Dampf  derart  zugeführt,  daß  bei
der  Dampfausströmung  zunächst  des  Kopfendes  der  Betten  auch  eine  Zerstäubung  von  Inhalationsmitteln ­
  erfolgen  kann.  Zur  Erwärmung  des  Wassers  dienen  Gaswasseröfen.  Der  Pavillon
für  Infektionskrankheiten  kostete  einschließlich  der  gesamten  Einrichtung  243.000  K.  Der
Krankenstand  betrug  im  Jahre  1902  2254,  die  Zahl  der  ambulatorisch  Behandelten  34.314.
Das  St.  Josef-Kinderspital  (Abb.  366)  ^  wurde  mit  Hilfe  eines  zu  diesem  Zwecke  durch
Dr.  V.  Alexovits  in  das  Leben  gerufenen  Vereines  errichtet  und  im  März  1842  für  12  Betten

in  dem  Hause  Nr.  9  der  Kolschitzkygasse
  eröffnet.  Mit  Hilfe  einer  im  Jahre
1869  demselben  zugewendeten  Widmung ­
  der  Ersten  österreichischen  Sparkasse ­
  von  60.000  K  wurde  wohl  eine
Erweiterung  durchgeführt,  aber  die
Anstalt  entspricht  nur  wenig  den  modernen ­
  Anforderungen.  Obwohl  im
Jahre  1888  Baron  Nathaniel  Rothschild
dem  Spitale  100.000  K  zum  Zwecke
des  Baues  eines  Infektionspavillons
widmete,  wird  man  an  den  Neubau  desselben ­
  erst  dann  schreiten,  bis  es  möglich ­
  sein  wird,  das  hinter  dem  Spitale
gelegene  Grundstück  zu  erwerben,  in
welchem  Falle  dann  ein  systematischer
Neubau  des  ganzen  Krankenhauses
eingeleitet  werden  kann.  Einstweilen
wird  das  im  Jahre  1896  neu  erworbene
Gebäude  Kolschitzkygasse  11  als  Wohnhaus ­
  der  barmherzigen  Schwestern  und
für  Kanzleizwecke  verwendet,  was  es

1.  7,  15,  17  Vorzimmer.
2  Mikroskop.  Zimmer.
3,  4  Sekundarärzte.

5,  8,  12,  13,  14  Krankenzimmer.
6,  11  Operationszimmer.
9,  16,  18  Wärterinzimmer.

Abb.  366.  St.  Josef-Kinderspital.  Lageplan.  1:800.

ermöglichte,  in  den  alten  Gebäudeteilen,  die  nur  für  100  Kranke  Raum  bieten,  manche  Verbesserung ­
  einzuführen.  Im  Jahre  1903  wurden  1087  Kranke  verpflegt,  das  Ambulatorium
besuchten  im  selben  Jahre  19.106  Kinder.
')  Jahrbuch  der  Wiener  k.  k.  Krankenanstalten.  III.  Jahrgang  1894,  S.  95.
            
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