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Full text: Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts : ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung, Band 2: Hochbau und Architektur, Plastik und Kunstsammlungen

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Humanitätsanstalten. 
IV. WAISENHÄUSER UND KINDERASYLE. 
a) Waisenhäuser (Abb. 384 bis 387). 
Die älteste derartige Anstalt Wiens ist das k. k. Waisenhaus IX., Waisenhausgasse 5. 
Dasselbe wurde vom Wiener Kaufmanne Michael Kirchmayer 1742 am Rennweg ge 
gründet, von der Kaiserin Maria Theresia vergrößert und unter Kaiser Josef II. 1785 an die gegen 
wärtige Stelle verlegt. Es bietet Raum für 400 Knaben, worunter sich auch Privatzöglinge be 
finden. Die Anstalt besitzt eine achtklassige Volks- und Bürgerschule, ein Kinderspital und 
ein Bad. Seit der Gründung dieses Waisenhauses wurden daselbst bereits über zehntausend 
Zöglinge aufgenommen. 1 ) 
Außer dem k. k. Waisenhause bestehen acht städtische Waisenhäuser, die zu 
sammen für 750 Kinder Unterkunft bieten. 2 ) 
Die Aufnahme in diese Anstalten setzt das Heimatsrecht in Wien, das schulpflichtige 
Alter sowie die doppelte Verwaisung oder wenigstens jene seitens des Vaters, bei unehelichen 
Kindern jene seitens der Mutter voraus. Die Kinder er 
halten in den Waisenhäusern die vollständige Pflege und 
Erziehung bis zum Ende ihres vierzehnten Lebensjahres. 
Im allgemeinen sind in den Waisenhäusern außer den 
Unterkünften nur Lehrräume für den Wiederholungsunter 
richt vorhanden. In der Regel besuchen die Kinder die 
nächstgelegene öffentliche Schule. Nur in dem fünften städti 
schen Waisenhause befindet sich eine interne dreiklassige 
Volksschule. Das dritte, vierte, sechste und siebente 
städtische Waisenhaus sind neuere Gebäude, für deren 
Einteilung die beigegebene Abb. 384 des im X. Bezirke 
gelegenen Waisenhauses, das nach den Plänen des Stadt- 
Abb. 384. Waisenhaus im x. Bezirke. bauamtes unter Leitung des Baurates Anton Clauser aus 
geführt wurde, als charakteristisches Beispiel dienen möge. 
Die Baukosten dieses Waisenhauses betragen rund 178.000 K. :i ) 
Nebst den vorerwähnten bestehen noch Anstalten für Angehörige verschiedener 
Kulte, und zwar: 
a) Das Gräfin Franziska Andrâssysche Waisenhaus für christliche Mädchen, XIX., Hohe 
Warte 5. Gräfin Andrässy widmete eine vom Architekten Theophil von Hansen erbaute zwei- 
Abb. 385. Evangelisches Waisenhaus. Erster Stock. 1: 600. 
V Vorraum. 
A Aufsicht. 
Sch Schlafsäle. 
Abb. 386. Waisenhaus für israelitische Mädchen, XIX., Feldgasse. 
Zweiter Stock. 1: 600. 
stockige Villa mit einem ebenerdigen Nebengebäude inmitten eines großen Gartens (die 
ganze Realität mißt 17.974 m' 2 ) für ein Waisenhaus. Die Adaptierung und Instandsetzung 
der Gartenanlage wurde von der Gemeinde Wien im Jahre 1904 mit einem Kostenaufwande 
von rund 61.000 K durchgeführt. Das Gebäude enthält Raum für 45 Pfleglinge. 
‘) Näheres in: Der Alsergrund einst und jetzt. Von Leopold Donatin, städtischer Lehrer. Wien 1904, Selbstverlag des 
Verfassers. 
! ) 1. Städtisches Waisenhaus VII., Kaiserstraße 92 (für 100 Mädchen); 2. städtisches Waisenhaus V„ Oassergasse 1 (für 
100 Knaben); 3. städtisches Waisenhaus IX., Galileigasse 8 (für 100 Knaben); 4. städtisches Waisenhaus X., Laxenburgerstraße 43 
und 45 (für 100 Knaben); 5. städtisches Waisenhaus Klosterneuburg, Jakobshof (für 50 Knaben und 50 Mädchen); 6. und 7. städtisches 
Waisenhaus VIII., Josefstädterstraße 93 und 95 (für 10O Knaben und 100 Mädchen); 8. städtisches Waisenhaus XII., Viertalergasse 15 
(für 50 Mädchen). 
3 ) Näheres siehe Verwaltungsbericht des Bürgermeisters für die Jahre 1877—1879.
	        
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