Die Entwicklung der Architektur Wiens in den letzten fünfzig Jahren.
23
der Säule; das Hinstreben zum
reinen Flächenstil. Bei diesem ist
man bereits vielfach angelangt
und hat damit ein gewisses primitives
Ideal erreicht: ganz glatte
Fassade in leichtem Verputz mit
scharf eingeschnittenen Fensteröffnungen
ohne Chambranle; darüber
hinaus, um für einigen
Schmuck zu sorgen, Belegung der
Fassade mit Fliesen oder Kacheln
und auf diesen farbig eingebrannte
Blumengehänge oder auch nur in
einer Farbe abgetönte Schachbrettmuster;
obenauf das Gesims
bald sparrenartig, doch ohne Konsolen,
weit hinausgeschoben, bald
wieder ganz fortgelassen. Nach
diesen vorläufig wahrgenommenen
Phasen werden in kürzester Zeit
wohl weitere folgen, denn wir
stehen inmitten des Prozesses. Hier
mag es denn genügen, einige der
Architekten zu nennen, welche in
besonders bemerkenswerter Weise
diesen Weg eingeschlagen haben:
neben Otto Wagner (Häusergruppe
Magdalenenstraße) zunächst Olbrich,
der Erbauer des Gebäudes
der Sezession, und Josef Hoffman
n (Villen auf der Hohen
Warte), ferner Josef Urban, Max
Fabian! (Haus Portois & Fix in
der Ungargasse und Artaria am
Kohlmarkt), Leopold Bauer, gelegentlich
auch Friedrich Ohmann
mit J. Hackhofer (Villa Schopp
in Hietzing), dann Albert Pecha,
Max Hegele (Bauten am Zentralfricdhof),
Plecnik (Haus Zachcrl
am Bauernmarkt, ein Beispiel, wohin
die „Moderne“ führen kann)
u. a. m. Wir finden also auch
den vielbegabten Ohmann in dieser
Reihe; und dies beirrt einiger-Abb.
11. Detail vom Naturhistorischen Hofmuseum. maßen Uns Leute VOH der älteren
Architekten O. Semper und K. von Hasenauer. Gewohnheit des Kunsturteils, die
wir immer genau wissen wollten, an welcher Stelle ein Künstler zuverlässig zu erfragen sei. Von
gründlichen Barockstudien ist Ohmann ausgegangen und schien sich weiter nach allen Seiten
umzublicken, immer von Fall zu Fall rasch orientiert; nun stellt er sich auch bei der Sezession
„zu Besuch und Versuch“ ein. Durch den schließlich ihm gewordenen Auftrag, für
die innere Durchbildung des Semper-Hasenauerschen Hofburgbaues Sorge zu tragen, wird er
wohl jetzt vor den einheitlichen Punkt gestellt, in welchen die auseinanderfahrenden Radien
seiner Bestrebungen wieder zurücklaufen.
Doch um zu unserer allgemeinen Betrachtung zurückzukehren, mögen noch folgende
Schlußbemerkungen folgen. Die durch ihre entschlossene Neuheit teils interessanten, teils problematischen
Bauproben dieser ganzen Gruppe lebendig sich regender künstlerischer Kräfte
bieten wohl Veranlassung genug zur Besprechung im einzelnen, aber nicht genügenden Anhalt