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Full text : Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts : ein Führer in technischer und künstlerischer Richtung, Band 2: Hochbau und Architektur, Plastik und Kunstsammlungen

L  AUSSTELLUNGSOEBAUDE.
I.  ROTUNDE.

Wien  ist  nichts  weniger  als  reich  an  Ausstellungsgebäuden;  denn  streng  genommen,  kann
es  an  solchen  Baulichkeiten  keine  anderen  als  die  Rotunde  (Abb.  748,  749)  aufweisen,  den
einstigen  Zentralbau  der  Wiener  Weltausstellung  des  Jahres  1873;  sie  allein  hat  sich  im  Gegensätze
zu  den  mit  ihr  gleichzeitig  aufgeführten  sowie  den  späteren  Ausstellungsbauten,  die  alle  mehr

Abb.  748.  Rotunde  mit  Südportal.
ephemeren  Charakter  aufwiesen,  bleibend  erhalten,  und  ihre  unschöne,  scheinbar  nahe  dem
Boden  beginnende  lampenschirmartige  Dachform  bildet  nun  seit  Jahrzehnten  einen  charakteristischen, ­
  aber  schon  so  gewohnten  Zug  im  Stadtbilde,  daß  man  bereits  die  vielfachen  berechtigten ­
  Klagen  unserer  damaligen  hervorragenden  Architekten  und  Ingenieure  über  dieses  Bauwerk ­
  vergessen  hat.
Der  Entwurf  eines  großartigen  Zentralbaues  für  Weltausstellungen  rührt  von  dem  englischen ­
  Schiffbauer  Scott-Russel  her,  welcher  den  Generaldirektor  der  Wiener  Ausstellung
vom  Jahre  1873,  Baron  Schwarz-Senborn,  für  seine  Idee  gewann  und  auf  Grund  seiner
angeblich  20jährigen  Studien  hierüber  Pläne  und  Kostenanschläge  zu  liefern  versprach;  im
September  des  genannten  Jahres  erhielt  die  Ausstellungsdirektion  drei  Skizzen  nebst  einer
kurzen  Baubeschreibung,  jedoch  keinerlei  theoretische  Berechnung,  welche  den  abzuschließenden
Verträgen  als  Grundlage  hätte  dienen  sollen.  Mit  Hilfe  der  Daten  der  Baubeschreibung  und
der  drei  Skizzen  hatten  die  Architekten  der  Ausstellung  —  als  Chef-Architekt  fungierte
Hasenauer  —  ein  Bild  des  Zentralbaues  zu  entwerfen,  welches  die  Planskizzen  vervollständigte, ­
  und  darauf  gestützt  wurden  am  22.  September  1871  mehrere  Firmen  zur  Einbringung
von  Preisanboten  bis  zum  7.  Oktober  aufgefordert.  Obgleich  es  höchst  gewagt  erschien,  auf  diese
Zeichnungen  hin,  die  gar  nichts  erraten  ließen,  ein  Offert  zu  basieren,  zumal  dem  Offerenten
            
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