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Full text: Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild, Übersichtsband, 2. Abtheilung: Geschichtlicher Theil

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er gelebt, dahin. Bei seinem Tode waren nur Beichtvater und Arzt, der Erzherzog Franz 
und die treuen Diener Lach, Rosenberg und Dietrichstein zugegen. Aber noch eine andere 
Gestalt beugte sich trauernd über das Sterbelager des Kaisers, die Idee des Staates, jene 
hehre Geliebte, die ihm den Mangel jedes anderen Glückes ersetzte, der er sich ganz geweiht 
und der er noch in den letzten Stunden seines prüfungsreichen Lebens, wie er sagte, mit 
aller moralischen und physischen Kraft gedient, ohne sich um die Folgen zu kümmern, die 
daraus für sein Dasein entspringen mochten. Seine letzten Gedanken weilten bei seinem 
Vaterlande, das er in einem Abschiedsbillete Kaunitz empfahl. 
Josef hat, wie die schöne Inschrift aus dem ihm von seinem dankbaren Neffen Kaiser 
Franz gesetzten Denkmale sagt, nicht lange, aber ganz dem öffentlichen Wohle gelebt. Seine 
Alleinherrschaft umfaßt nur zehn Jahre, aber diese gehören zu den inhalts- und folgen 
reichsten unserer Geschichte. Wenn wir nun hier die Erfolge und Mißerfolge der Regierung 
Josefs noch einmal überblicken, werden wir schärfer, als dies sonst zu geschehen pflegt, 
zwischen Ungarn und den Niederlanden einer- und den übrigen Erblanden anderseits zu 
unterscheiden und zugleich nachdrücklicher als sonst die nachtheiligen Rückwirkungen der 
unglücklichen äußeren Politik dieses Kaisers auf die inneren Zustände des Reiches zu betonen 
haben. Was nämlich die gegenwärtig cisleithanischen Länder betrifft, so läßt sich leicht 
erkennen, daß hier der Unterschied der josefinischen Gesetze von denen der vorausgegangeuen 
theresianischen Periode weniger in dem Wesen als in der Form, weniger in den Gegen 
ständen als in dem beschleunigten Tempo der Durchführung, kurz in dem Wunsche Josefs 
lag, selbst noch die Früchte jener Reformen zu ernten, die er mit den Bäumen im Augarten 
verglich, welche er, um sich noch ihres Schattens zu erfreuen, statt junger Schößlinge 
pflanzen ließ. Ohne Zweifel trug diese Hast einen Theil der Schuld an dem Mißlingen 
mancher seiner Entwürfe, so wie es auch unleugbar ist, daß Josefs Reformen viel tiefer 
einschnitten in die bisherigen Verhältnisse als jene seiner Mutter und daher von den dadurch 
Betroffenen viel schmerzlicher empfunden wurden. Namentlich auf dem kirchenpolitischen 
Gebiete war dies der Fall, wo seine und seiner Mutter Ansichten sich wie zwei Welt 
anschauungen gegenüber standen. Auch das ist richtig, daß Josef für die historischen 
Rechte kein Verständlich besaß, nur theilte er dies Gebrechen mit seiner Zeit. Nicht nur der 
Regierung, auch den Regierten, den privilegirten Ständen war der historische Sinn abhanden 
gekommen, wenn man darunter nicht starres Ansichhalten, sondern die stetige Entwicklung 
der gegebenen Verhältnisse aus sich selbst heraus versteht. Auch Maria Theresias Laug- 
muth war an dem zähen Widerstande, den ihr der Adel entgegensetzte, erlahmt. Auch sie 
hatte geklagt, daß mit den Ständen nichts anzufangen sei, und hatte daher die wichtigsten 
Anordnungen über die Köpfe derselben hinweg decretirt. Von einer lebenskräftigen ständischen 
Verfassung war ohnehin längst nicht mehr die Rede und deren Wiederbelebung lag nicht in
	        
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