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Die Bibliothek, die jetzt über 200.000 Bände umfaßt, hat ihren ursprünglichen
nationalen Charakter bewahrt und sammelt in erster,Reihe Hungarica, daher sie auch unter
allen vaterländischen Bibliotheken an ungarischen Jncunabeln die reichste ist. In neuerer
Zeit hat sich in ihr als besondere Unterabtheilnng eine Zeitschriftensammlung herans-
gebildet, welche alle in Ungarn erschienenen Zeitungen und Zeitschriften enthält. Die
Handschriftensammlung besitzt 12 Codices, die aus der Bibliothek des König? Matthias,
der weltberühmten Corvina, stammen und mit dem gleichzeitigen Wappen nebst Emblemen
des großen Königs geschmückt, also unzweifelhaft für ihn verfertigt sind. In einigen
bewundern wir die meisterhaften Miniaturen der berühmten Maler Attavante, Francesco
del Chierico und Gherardo; vier von diesen hat Sultan Abdul-Aziz unserem erhabenen
Monarchen verehrt, als dieser ihn in Constantinopel besuchte, und Seine Majestät spendete
alle vier dem Nationalmuseum, um sie der ungarischen Hauptstadt wiederzngeben, von
wo sie vor vierhundert Jahren als Beute nach Constantinopel gelangt waren. Zwei
sind Geschenke des Herzogs von Modena, einer wurde von den Erben der Mailänder
Familie Trivulzi um 6.500 Francs erworben. Auch sind viele Handschriften von Clemens
Mikes, Vörösmarty, Kazinczy, Verseghy, Petöfi und anderen berühmten ungarischen
Schriftstellern vorhanden. Unter den alten Manuscripten ist eines der werthvollsten für
die ungarische Literatur das Sprachdenkmal, das den Titel „Leichenrede und Gebet"
(Holotti bestock äs Lönvörssäs) führt und dessen Facsimile Band I, S. 72 von „Ungarn"
mitgetheilt wurde.
Besonders interessant ist die reiche Sammlung der Proclamationen, Flugschriften,
Placate, privaten und amtlichen Schriftstücke aus den Jahren 1848/49. Im Archive
haben 25 adelige Familien ihre alten Urkunden hinterlegt, die jetzt in den inneren
Sälen von Gelehrten studirt werden, während der geräumige, aber freilich im Verhältniß
zur großen Zahl der Leser keineswegs ausreichende Lesesaal hauptsächlich von der
stndirenden Jugend benützt wird. Außer der großen Bibliothek besitzt noch jede Abtheilung
des Museums eine eigene Fachbibliothek, und zwar die Münzen- und Antiquitäten
sammlung die reichste.
Auch die Münzen- und Antiquitätensammlnng hat ihren nationalen Charakter
rein bewahrt und erwirbt ausschließlich Gegenstände, die im Lande gefunden oder
gefertigt wurden oder im Besitze von Ungarn waren oder sich überhaupt irgendwie auf
Ungarn beziehen. Die Direction hält sich diesen Grundsatz so streng vor Angen, daß sie,
nachdem in neuerer Zeit das Kunstgewerbemuseum zu Stande gekommen, diesem alle
jene werthvollen ausländischen Kunstschätze auf ewige Zeit in Verwahrung gab, welche aus
der Sammlung Nikolaus Jankovich oder etwa als fürstliches Geschenk des Barons Revah
und anderer Patrioten, ins Nationalmuseum gelangt waren. Ebenso hat die Bildergallerie