MAK

Full text: Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Ungarn, Band 3

218 
Stil entwickelt, den wir aus den Ketten, Anhängseln, Gürteln und Armbändern der 
magyarischen Tracht kennen. Bemerkenswerth ist namentlich das Drahtemail und die 
damit verbundene, fälschlich als „siebenbürgisches Email" bezeichnet« Emailtechnik, die eine 
Eigenthümlichkeit Ungarns bildet und in auswärtigen Sammlungen nur ganz vereinzelt 
vorkommt. Die großen Herren des Landes ließen um jene Zeit viel Schmncksachen aus 
dem Ausland kommen. Prächtig sind insbesondere zahlreiche Anhängsel, Armbänder, 
Halsketten, Ohrgehänge, wie sie im Ausland mehr in fürstlichen Schatzkammern als in 
Kunstsammlungen zu finden sind. Unter den von auswärts eingeführten Tischgeräthen 
sind besonders zu beachten: ein silberner Krug mit vier meisterhaft getriebenen Relief 
gruppen zur Geschichte des verlorenen Sohns, sehr wahrscheinlich ein Werk des berühmten 
Nürnberger Kupferstechers Hans Sebald Behaim; ferner ein getriebener Meisterkrug der 
Nürnberger Goldschmiedezunft, wie sie die Goldschmiedgehilfen als Meisterstück zu liefern 
hatten; dann zwei kirchliche Kannen von Großwardein aus der Zeit des Johann Vitez, 
vermuthlich dortige Arbeit, und zwanzig Cocosnnßbecher, die nach der Umschiffung Afrikas 
und der Entdeckung des Seewegs nach Indien bei den großen Herren Europas'schon der 
Neuheit wegen beliebt und durch die vorzüglichsten Goldschmiede künstlerisch in Erz 
montirt als Tischzierde gebräuchlich waren. Auch anderes Tafelgeräth, wie Löffel, Messer 
und Gabeln, die erst um diese Zeit in Mode kamen — denn noch König Matthias nahm, 
wie Jedermann, das Fleisch mit den Fingern aus der Schüssel — ist mit künstlerischem 
Geschmack gefertigt; wir sehen dies im Museum, wo auch die Geschichte der Säbel, Sporen, 
Zäume, Steigbügel, sowie der Schießwaffen durch umsichtig geordnete, aber des Raum 
mangels wegen nicht gut genug aufgestellte Serien erläutert ist. Ungemein werthvoll sind 
drei mit Reliefs verzierte Elfenbeinsättel aus dem XV. Jahrhundert, wie deren in ganz 
Europa nur fünfzehn Vorkommen. 
Zur Zeit der Gegenreformation, in der zweiten Hälfte des XVII. Jahrhunderts, 
war die Kunst in fast ganz Europa vom Jesuitenstil beherrscht, von der Perücke, dem 
Schnörkel, dem Muschelornament, der Scheu vor der geraden Linie. Eine Ausnahme 
macht besonders Holland mit seinem naturalistischen protestantischen Baustil und ebenso 
Siebenbürgen, wo Protestantismus und türkische Nachbarschaft es nicht zuließen, daß die 
Künsteleien des Barokstils Wurzel faßten. Kein Fürst von Siebenbürgen trug die Perücke, 
während jeder deutsche Herzog Ludwig XIV. und Leopold I. nachahmte, und die im 
Museum befindlichen Schmucksachen, Prachtketten, Herren- und Damengürtel, Geschmeide 
und Haarnadeln dieser Zeit unterscheiden sich durch ihren reinen, maßvollen ungarischen Stil 
vortheilhaft von dem übertriebenen, schwülstigen Geschmack der damaligen deutschen und 
französischen Goldschmiede. Nur das von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zunehmende Muschel 
ornament an den Gewandschnallen der siebenbürgischen Sächsinnen läßt den Einfluß des
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.