265
Richtung des vorigen Jahrhunderts weiterentwickelte, indem sie die Reügwnsfehden noch
mehr ansbildete und verbitterte, selbst die kirchliche Beredsamkeit und BiLelerklärnng in
den Kampf hineinzog und das Feld der kirchlichen Literatur gewaltig ausweitete. So
erscheint es natürlich, daß im XVII. Jahrhundert die Sprache ungewöhnliche Fortschritte
machte, nicht nur in der Literatur, sondern auch im öffentlichen Leben und geselligen Verkehr.
Es ist unnöthig, die geringeren Vertreter der literarischen Thätigkeit dieses Jahrhunderts
hier aufzuzählen, denn wir können uns in der geistlichen und weltlichen Literatur
mit großen Gestalten beschäftigen, welche die Ideen ihrer Zeit so treu und charakteristisch
verdolmetschten, daß die ganze Nation ihre Wirkung empfand. Wenn die geschwächte
Kraft der katholischen Kirche in Ungarn wieder erstarkte, so hat dafür Niemand mehr
gethan als Peter Pazmanh (1570-1637), der „ungarische Cicero im Purpur", der
fast dreißig Jahre hindurch der Führer seiner Glaubensgenossen un Feldzug der Gegenreformation
war.
Peter Päzmäny, dieser Mann von außerordentlicher Rednergabe, polcunlcher
Leidenschaft und logischer Schärfe, führte, noch im Ausland weilend, gegen einige
protestantische Prediger, meist unter verschiedenen Pseudonymen, scharfe literarische
Fehden, und als er 1607 nach Ungarn heimkehrte, galt er den Protestanten bereits als
einer ihrer furchtbarsten Gegner. Die erste glänzende Probe seines Rednergemes legte er
anf dem Reichstag 1608 als Vertreter der Probstei Thuröcz ab und wurde, obgleich nur
einfacher Jesuit, auch in die Kreise des Hochadels hineingezogen, wo er gleichsam die
Seele der Gesellschaft war. So ist es nicht zu verwundern, daß er etwa dreißig hochadelige
Familien in den Schooß der katholischen Kirche zurückführte, auch am königlichen
ssofe eine große Rolle spielte und an der Seite Ferdinands II- während des dreißigjährigen
Krieges von bedeutendem Einfluß ans die Leitung der politischen Angelegenheiten
war, „eifrig bestrebt, die Interessen des Hofes, der katholischen Kirche und seiner
Nation zu versöhnen". Doch war er damals, von 1616 an, bereits Erzbischof von Gran,
welche Würde er zweinndzwanzig Jahre lang bekleidete.
Selbst von den größten Männern Ungarns fühlten damals nur wenige, welche
Wendung in den literarischen Fehden der Religion eintreten müsse. Päzmäny sieht es schon
als einfacher Grazer Jesuit vorher, daß seine Zeit bald kommen muß und daß sein Genie
von einer ungeheuren Machtstnfe herab die kirchlichen und politischen Angelegenheiten des
Vaterlandes lenken wird. Fast in jedem Jahre gibt er ein ungarisches Buch heraus, m
dem er die Schriften der hervorragendsten ungarischen Protestanten zu entkräften, ihre
Gründe durch die schärfste Dialectik umzukehren, ihre Worte oft gröblich zu verdrehen
trachtet, seine eigenen Argumente aber mit geistlichen und kirchlichen Autoritäten und
biblischen Citaten umschanzt, seine Gegner mit blutigem Hohn verwundet oder lächerlich