Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Ungarn, Band 4

158

geschaffen  haben,  die  Schilderer  aber  vergessen  anzugeben,  wer  jene  Schlösser  gebaut,
wer  sie  so  wunderbar  geschmückt  habe.  Ein  weiterer  Mangel  der  Schilderungenist,  daß  sie  so
allgemein  gehalten  sind,  das  Äußere  und  das  architektonische  Wesen  des  Gebäudes  gar
nicht  bemerken,  nur  das  Innere  loben,  aber  auch  dies,  ohne  dessen  Zierwerk  näher  zu
kennzeichnen.  Die  Cassettendecke  bildet  die  einzige  Ausnahme,  aus  der  man  schließen  kann,
daß  die  Säle  der  beiden  Schlösser  im  Renaissancestil  decorirt  waren.  Wenn  wir  in
Betracht  ziehen,  daß  Chimenti  Camicia,  die  Brüder  Cellini,  ja  zu  der  Zeit,  als  er  in
Ungarn  weilte,  sogar  Benedetto  da  Majano  eher  Holzschnitzer  und  Knnstschreiner  waren,
so  scheint  die  Annahme  berechtigt,  daß  die  durch  König  Matthias  eingeführte  Renaissance
sich  hier  nicht  mit  einem  Schlage  völlig  zur  Geltung  brachte,  sondern  daß  sie  sich  in  Visegräd
  wie  in  Totis  den  schon  bestehenden  Bauten  anpaßte,  mit  den  Verhältnissen  rechnen
mußte  und  daß  die  Aufgabe  der  Tischler-Architekten  sich  großentheils  auf  die  Einzelheiten,
namentlich  auf  die  innere  Ausschmückung  beschränkte.  So  stellen  wir  uns  die  Renaissancekunst
dieser  beiden  Königsschlösser  jenseits  der  Donau  vor.  Etwas  später,  aber  etwa  auf  dieselbe
Weise  begann  die  neue  Kunst  in  Frankreich  heimisch  zu  werden,  wo  sie  in  fürstlichem
Gefolge  ihren  Einzug  hielt,  sowie  in  Deutschland,  wohin  sie  durch  Kanfleute  und  in  den
Skizzenbüchern  einiger  Künstler  gelangte.  In  diesen  Ländern  hatte  der  Anfang  auch  eine
Fortsetzung;  in  Ungarn  riß  nach  dem  Anfang,  dessen  Schauplatz  jenseits  der  Donau  lag,
der  Faden  ab.  Die  Türkenzeit  löschte  Alles  aus.
Die  Türkenherrschaft  hat  zum  Ersatz  für  all  das,  was  sie  in  dieser  Gegend  vernichtete
oder  dessen  Vernichtung  sie  beförderte,  gar  wenig  eigene  architektonische  Schöpfungen
hinterlassen.  Fünfkirchen  kann  sich  der  hervorragendsten  türkischen  Bauwerke
rühmen.  Es  hatte  seinerzeit  elf  Moscheen,  von  denen  drei  noch  vorhanden  sind.  Die  eine,
die  jetzige  Pfarrkirche  der  inneren  Stadt,  ist  so  groß,  dass  in  der  europäischen  Türkei  sich
wenige  mit  ihr  vergleichen  können.  Sie  ist  eine  quadratische  Anlage,  jede  Seite  18'30  Meter
lang;  oben  in  den  Ecken  geht  durch  eine  gewölbte  Nische  das  Viereck  in  ein  Achteck  über,
das  eine  aufschießende  Trommel  bildet,  auf  der  dann  die  40  Fuß  3  Zoll  hohe  Kuppel
ruht.  Die  Wirkung  des  Äußeren  ist  durch  Anbauten  späteren  Ursprungs  verdorben.  In
türkischer  Zeit  standen  vor  ihr  zwei  schlanke  Minarets;  das  eine  ist  schon  früher  zu  Grunde
gegangen,  das  andere  haben  Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  die  Jesuiten  abgetragen.
Die  zweite  Moschee,  jetzt  Krankenhauskapellc,  ist  etwas  kleiner  (jede  Seite  12'80  Meter),
stimmt  aber  im  Grundriß  und  Aufbau  mit  der  ersten  überein.  Das  vor  ihr  stehende
Minaret  ist  27  Meter  hoch.  Die  dritte  und  kleinste  Moschee  befindet  sich  in  verwahrlostem
Zustande  und  dient  als  Pulverthurm.
Das  Ende  der  Türkenherrschaft  fällt  in  die  Zeit  der  Barockarchitektur.  Dieser
fiel  die  Aufgabe  zu,  die  beschädigten  Kirchen  wieder  herzustellen  und  neue  zu  bauen.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.