Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Ungarn, Band 4

264

Weit  vermag  er  sich  von  der  Scholle,  die  ihn  geboren,  nicht  zu  entfernen.  In  der  ungarischen
Gegend  hat  er  sich  schon  vorlängst  gern  angesiedelt.  Ein  Überbleibsel  des  Patriarchalischen
Lebens  ist  die  Sitte,  daß,  wer  ein  Strohdach  zu  machen  hat,  dies  einfach  im  Dorfe  ausrnfen
  läßt.  Darauf  legt  jeder  Hausbesitzer  einen  Bund  Stroh  vor  das  Haus  und  der
Dachbediirftige  trägt  Alles  heim.  Ein  andermal  kommt  ein  Anderer  in  die  Lage,  Aller
Hilfe  in  Anspruch  zu  nehmen.
Bei  Kindstaufen  pflegte  sonst  auch  der  Wende  gern  ein  Fest  zu  feiern,  jetzt  geht  es
dabei  einfacher  her.  Der  alte  Volksglaube  spielt  dabei  eine  große  Rolle.  Schon  nach  der
Trauung,  bevor  noch  die  Braut  das  Hans  betritt,  nimmt  ihre  Mutter  oder  eine  andere
Frau  ein  Ei  und  einen  Knäuel  Zwirn  in  die  Hand.  Bei  dem  Vorhause  läßt  sie  den  Knäuel
vor  die  Braut  Hinrollen  und  legt  das  Ei  ans  den  Boden.  Die  Braut  tritt  mit  dem  rechten
Fuße  auf  das  Ei  und  zerbricht  es;  so  leicht  sie  es  zerbrochen  hat,  so  leicht  wird  sie  gebären.
In  der  Wohnstube  setzt  man  etwas  Brot  und  Wein  auf  den  Tisch.  Der  Tisch  darf  nicht
leer  stehen,  damit  dem  erwarteten  Kinde  nichts  Böses  ankomme.  Ist  das  Kind  erschienen,
so  wird  es  häufig  in  ein  Kissen  gewickelt  unter  den  Tisch  gelegt,  damit  es  fett  werde.  Mit  der
Taufe  beeilt  man  sich  nur,  wenn  das  Kind  kränklich  ist,  damit  es  im  Todesfälle  nicht  um
die  Seligkeit  komme;  ist  es  aber  gesund,  so  wird  die  Wiedergenesung  der  Mutter  abgewartet,
damit  auch  sie  am  Taufmahle  (lrrstikjo)  theilnehmen  könne.
Der  Tod,  der  Übergang  ins  Jenseits,  bietet  dem  Aberglauben  noch  reichlicheren
Stoff.  Stirbt  der  Hausherr  oder  die  Hausfrau,  so  läuft,  wenn  die  Leiche  aus  der  Stube
getragen  wird,  eines  der  Hausleute  hinaus,  um  das  Vieh  aus  dem  Stalle  zu  lassen  und
das  für  die  Aussaat  aufgehobene  Getreide  in  der  Kammer  umzurühren;  davon  soll  das
Vieh  gesund  bleiben  und  die  Ernte  reichlich  werden.  Nach  der  Heimkehr  vom  Begräbniß
eilen  die  daheim  verbliebenen  Hausleute  aus  dem  Hause,  um  die  Ersten  zu  sein,  welche
die  Heimkehrenden  erblicken;  im  entgegengesetzten  Falle  würden  sie  fürchten,  von  dem
Todten  heimgesucht  zu  werden.  Die  Träger  der  Leiche  waschen  sich  in  einem  Topf  die
Hände  und  trocknen  sie  mit  einem  weißen  Tuch;  der  Topf  wird  dann  durch  den  Todtengräber
  an  das  Hans  geworfen.  Von  dem  Fuhrwerk,  das  die  Leiche  getragen,  werden  die
Räder  abgenommen  und  drei  Tage  lang  im  Sterbehause  gelassen,  aber  auch  nachher  nur
verstohlen  heimgeholt.  Das  Todtenmahl  ist  nur  noch  wenig  gebräuchlich,  wohl  aber  die
Nachtwache  bei  älteren  Todten,  wobei  auch  gegessen  und  getrunken  und  die  Zeit  durch
eigens  für  solchen  Anlaß  bestimmte  Lieder  gekürzt  wird.  An  manchen  Orten  kaufen  sich
die  Wenden  das  als  Grabtuch  verwendete  dunkle  Tuch  schon  bei  ihren  Lebzeiten  selbst.
Nach  dem  Begräbniß,  besonders  bei  den  Bergbewohnern,  stellt  sich  die  wendische  Witwe
drei  oder  vier  Tage  lang  morgens  und  abends  vor  das  Haus  und  beweint  ihren  todten
Gatten  angesichts  der  ganzen  Gemeinde.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.