MAK

Full text: Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Ungarn, Band 6

573 
Uns bewegt am meisten der Zauber, den der Zigeuner nicht durch Hexenkunst, 
sondern durch die wirkliche Macht seiner Geige ausübt. Ihr dankt er seine Ausnahms 
stellung im ganzen Lande, als ein organischer Bestandtheil der Nation, als Verwahrer 
und Ausüber der nationalen Musik, der Kunst, die vor allen anderen der allgemeinsten 
Wirkung sicher ist. Ihr dankt der Zigeuner seine privilegirte Stellung, wie er sie sonst 
nirgends in der Welt hat; denn mögen sie auch bei uns nach Lust und Laune zum Theil 
obdachlos sein, vaterlandslos sind sie hier nicht. Seine unstete Seele, die sich überall 
mit der Zähigkeit des Paria gegen den Begriff „Vaterland" zu wehren wußte, konnte 
Lager von schnitzenden Zigeunern. 
sich in Ungarn nicht ganz dem Hauche des nationalen Geistes verschließen, des Genius 
einer oft unterdrückten, aber nie gebrochenen, stolzen, großherzigen, patriotischen, freien 
Nation. Er ahnte diesen Genius und wußte sich ihm so innig anzuschmiegen, daß Franz 
Lißt in einer seltsamen Hallncination den Virtuosen mit dem Tondichter verwechselte 
und den Ursprung der ungarischen Musik auf die Zigeuner zurücksührte. Auch er hielt 
jene Lieder für Zigeunermusik, die durch professionelle Zigeunermusiker in der Csärda 
der Pußta und im Speisesaale des Hotels gegeigt werden. Und doch sind als die echte, 
eigene Musik der Zigeuner jene Weisen anzusehen, die sie zu ihrem eigenen Vergnügen 
auf ihren Wanderungen oder im Zeltlager singen; diesen Weisen passen sie ihre originalen, 
eigenthümlichen Volkslieder mit zigeunerischem Text an, und zwar einer Melodie mitunter
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.