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Full text : Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Ungarn, Band 1

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Nahrung  zieht.  Alle  diese  Factoren  haben  zur  Folge,  daß  um  die  Mitte  des  XV.  Jahrhunderts ­
  auch  bei  uns  das  iveltliche  Element  und  damit  der  Gemei  nadel  sich  lrästigt,
dessen  wachsender  Einfluß  schon  in  der  ersten  Hälfte  des  Jahrhunderts  den  Kampf  gegen
den  Hochadel  provocirt.  In  diesem  Kampfe  ist  die  Thronbesteigung  des  Königs  Matthias,
ja  sogar  seine  ganze  Regierungszeit  als  Triumph  des  Genreinadels  zu  betrachten.  Denn
unter  Matthias  übt  der  Gemeinadel  eine  ständige  legislatorische  Macht  aus,  Rechtsprechung
und  Verwaltung  gehen  immer  mehr  auf  die  Comitate  über.
Unter  der  Einwirkung  dieser  Neugestaltungen  beginnt  seit  dem  Anfang  des  XVI.Jahrhunderts ­
  auch  die  Kirche  allmälig  weltliche  Ziele  zu  verfolgen,  Reichthnm  und  Genüssen
nachzujagen.  Infolge  dessen  ist  sie,  in  ihrem  Credit  und  Ansehen  geschädigt,  im  Zeitalter
der  Jagellonen  auch  bei  uns  nicht  mehr  fähig,  ihrem  erhabenen  Berufe  zu  entsprechen,
worauf  die  Sitten  der  in  ihrem  Glauben  erschütterten  Gesellschaft  sich  lockern  und  ihre
Kraft  ermattet.
Der  Bauernaufstand  vom  Jahre  1514,  der  ein  Kreuzzug  sein  sollte,  beweist  schon
das  Schwinden  des  Ansehens  der  Kirche  und  der  Religion,  die  Störung  des  Gleichgewichtes
der  gesellschaftlichen  Kräfte.
Die  Zersetzung  greift  auch  auf  den  Staat  über,  der  unter  Matthias  kräftig
zusammengehalten  wurde.  Zwischen  Hoch-  und  Gemeinadel  bricht  der  Kampf  um  die
Gleichberechtigung  mit  erneuerter  Heftigkeit  aus.  Der  Gemeinadel  verlangt  nun  auch  im
Staatsrathe  vertreten  zu  sein.  Die  materiell  und  geistig  armen  Jagellonen,  von  Furcht
oder  Apathie  erfüllt,  sind  nicht  im  Stande,  diesen  unfruchtbaren  Streit  zu  Gunsten  des
Königthums  ausznnützeu.  Der  Staat  verarmt,  sein  Credit  erschöpft  sich,  die  Wirksamkeit
der  Regierung  wird  gelähmt  und  dem  Egoismus,  deni  Rechte  des  Stärkeren  werden  Thür
und  Thor  geöffnet.  Zu  dieser  Zeit  aber,  bevor  noch  die  miteinander  ringenden  und  schon
ermattenden  Kräfte  sich  ins  Gleichgewicht  setzen  konnten,  stürzen  die  Türken  unter
einheitlicher  genialer  Leitung  den  mittelalterlichen  europäischen  Staat  in  Trümmer.
Eine  ähnliche  Entwicklung  können  wir  auch  in  der  geistigen  Welt  verfolgen,  in
welcher  ebenfalls,  nach  der  Herrschaft  der  religiösen  Ideen  und  der  Kirche,  seit  der  Mitte
des  XV.  Jahrhunderts  das  weltliche  Element  sich  zu  kräftigen  begann.
Die  Schulen  waren  während  des  ganzen  Zeitalters  mit  den  Pfarren,  den
Domcapiteln  und  den  Mönchsorden  in  Verbindung.  Selbst  die  Universitäten  gründete
man  —  Ludwig  der  Große  die  Fünfkirchener,  Sigmund  die  Ofener,  Johann  Vitez  die
Preßbnrger  —  mit  päpstlicher  Bewilligung.
In  diesen  Hochschulen,  zu  welchen  noch  die  von  Matthias  im  Ofener  Dominicanerkloster ­
  untergebrachte  Universität  hinzutrat,  culminirte  die  wissenschaftliche  Bewegung  dieser
Jahrhunderte,  nur  daß  die  Wissenschaft  in  ganz  Europa  noch  aus  einem  unfruchtbaren,
Ungarn  I.  10
            
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