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während anderwärts die rasche Fluth ganze Wäldchen Hinwegspult. Überhaupt ist die
Ufergegend der Donau längs der Schütt sehr interessant gestaltet. Von Komvrn bis Preß-
bnrg bedecken dichte Weidenbestände und Pappelwälder die unzählbaren Sandbänke und
Inseln, sowie die Ufersäume. Die Abzweigungen und Seitenarme der Donau stiirzen beim
Sinken des Wasserstandes gleich ebenso vielen kleinen Wasserfällen rauschend über die
Steinwürfe zurück ins Hauptbett. Längs des langen linken Ufers ist keine Spur mensch
lichen Lebens; man glaubt einem ausgestorbencn, entvölkerten Gebiet entlang zu fahren;
kein Dorf, keine Stadt ist in der Nähe zu sehen, höchstens hie und da eine verlassene
Fischerhütte. Das ist die stille, glückliche Heimat der Tausende von Wasservögeln. Weiter
innen freilich, jenseits des Jnundationsgebiets, hinter den Uferwaldungen, da gibt es schon
Leben; da arbeitet das tüchtige Volk der Schütt auf deichgeschützten Feldern.
Die Insel Schütt, die Königin der ungarischen Inseln, ist der westliche Vorposten
des Magyarenthums. Ihr ungarischer Name Csallököz soll von dem ehemaligen Gewässer
des Csallö Herkommen, von dem heute nicht einmal mehr das Bett zu sehen ist. Einstens
Meeresboden, war sie später eine von ungezählten Wasseradern dnrchspülte Inselgruppe. Zu
einem einheitlichen Gebiet ist sie erst vor vier bis fünf Jahrhunderten zusammengewachsen.
Ihr Boden ist für Weizenbau geeignete schwarze Erde, aber stellenweise kaum eine Spanne
tief, unter der schwarzen Schichte ist er kiesig und schotterig.' Von Szerdahely bis Komorn
nimmt die Tiefe der Dammerde immer zu. Der obere westliche Theil der Insel ist trockener
und sandiger; der untere Theil ist den Überschwemmungen der Waag, Dudvag und Donau
mehr ausgesetzt und daher an vielen Stellen sumpfig und moorig. Nach und nach trocknet
er aber auch aus und seine „Han", die einst nur Gestrüpp und Riemengras trugen, ver
wandeln sich in lohnende Wiesen. In den Gemarkungen von Böös und Csicsö, wo noch
vor kurzem blos Binsen wuchsen und Wasserfrösche quakten, sieht man jetzt schon prächtige
Parks. Übrigens ist die Schütt größtentheils baumlos; mit ihren einförmigen Pnßten und
ausgedehnten Hutwcideu gleicht sie in vielem der großen Alföld-Ebene. Da die Schütt einst
reich an Fischen, Wildpret und fetten Weiden, dazu aber auch leicht zu verthcidigen war,
fand sie frühzeitig Bewohner. Die Römer kannten sie bereits und die Avaren bewohnten sie
sogar. Ihre uralten Erdschanzen, die das Volk „Tatarensitze" nennt, mögen einst Lager
plätze gewesen sein. Bei der Landnahme ließen sich hier Kumancn und Magyaren nieder.
Die Namen der Ortschaften sind alle magyarisch, und namentlich im westlichen
Theile liegen die Dörfer so dicht beisammen, daß man kaum fünf Minuten von dem einen
l Das Kieslager (atka) besteht aus zusammengestandenem Sand und Kieseln, an manchen Stellen aus zusammen gestandenem
Sand, Muscheln und kalkiger Erde, was dann fast so hart wie Sandstein ist. Solche Kiezlager lasten das Wasser schwer durch und
so läuft das Wasser an solchen Stellen entweder zusammen oder es setzt Schlamm ab. Auf solchem Boden Bäume zu Manzen, ist
nur möglich, wenn man erst dieses Lager bis zur darunter befindlichen erdigen Schichte durchschlägt. Die Bewohner der Schütt
benütze» dieses Material zum Auskleiden von Brunnen, wozu es sich besser eignet, als Backsteine.