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Full text : Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Ungarn, Band 2

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wurde,  nicht  vhne  gelegentliche  Fälschungen,  wenn  statt  der  edlen  arabischen  Galläpfel
das  schnöde  Surrogat  gewisser  Waldbeeren  verwendet  wurde.  An  vielen  Orten,  besonders
in  kleineren  Gemeinden,  bekleidete  der  Lehrer  auch  das  Amt  des  Nvtärs.
Obgleich  der  Schulbesuch  nicht  obligat  war,  kam  es  doch,  besonders  in  den  Dörfern,
selten  vor,  daß  ein  Kind  die  Volksschule  nicht  absolvirte  oder  gar  der  Schule  ganz  fern
blieb.  Die  Mannigfaltigkeit  dessen,  was  da  gelernt  wurde,  war  nun  freilich  nicht  groß;  den
größten  Theil  des  Lehrstoffes  bildeten  religiöse  Gegenstände,  wie  denn  auch  der  größte
Theil  der  Zeit  mit  religiösen  Übungen  verging,  zu  denen  auch  das  Läuten  der  Glocken
gehörte.  Die  Knaben  lernten  übrigens  ganz  gut  schreiben  und  rechnen,  wogegen  die  Mädchen
im  Schreiben  nicht  geübt  wurden.  Gegenwärtig  ist  der  Schulbesuch  der  Kinder  gesetzlich
überwacht;  die  Schulen  werden  zahlreicher  und  größer;  ihre  Gebäude  wetteifern  an
Nettigkeit  und  Solidität  der  Einrichtung.  Die  ordnungsmäßigen  sechs  Jahre  macht  zwar
nicht  jedes  Kind  durch,  ohne  jeglichen  Schulbesuch  wächst  aber  doch  selbst  im  großen  Alföld,
wo  infolge  der  Gehöftwirthschaft  der  Schulgang  ans  fast  unüberwindliche  Schwierigkeiten
trifft,  höchstens  ein  Procent  ans.
Tod,  Trauer.  —  Die  Bestattungsgebrüuche  in  Ungarn  sind  grvßtentheils  identisch
mit  denen  der  anderen  Völker  Europas,  da  sie  in  gleicher  Weise  entstanden  sind  und  sich
entwickelt  haben.  Die  Krankenbesuche,  das  Ankleiden  der  Todten,  die  Schmückung  der
Burschen  mit  Blumen,  der  Mädchen  und  Kinder  mit  Kränzen,  das  ewige  Summen  der
Glocken,  die  beständige  Nachtwache  unter  Absingung  von  Trauerliedern  ist,  wie  anderwärts, ­
  auch  in  Ungarn  gebräuchlich.
An  der  Nachtwache  betheiligen  sich  die  Verwandten,  Nachbarn,  guten  Freunde,
besonders  aber  die  sangeskundigen  Männer  und  Frauen,  welche  die  Zeit  bis  Tagesanbruch
mit  der  Absingung  verschiedener  Trauer-  und  Abschiedsgesänge  und  mit  dem  Rühmen
des  Todten  zubringen.  In  den  Pausen  macht  auch  etwas  Getränke  als  „Kolophonium"
die  Runde.  Diese  Gesänge  sind  im  Volke  handschriftlich  vorhanden,  und  gar  mancher  ist
durch  Form  und  Inhalt  den  allverbreiteten  liturgischen  Gesängen  ebenso  überlegen  wie
die  Methodik  ihrer  Sänger  der  der  amtlichen  Organe.
Der  Klagegesang,  in  dessen  rhythmischen  Sätzen  die  Frau  unter  dramatischen
Geberden  die  Hauptereignisse  aus  dem  Leben  ihres  Todten  anfzählt  und  ihrer  Trauer  um
ihn  Ausdruck'verleiht,  ist  in  der  That  schön  und  ergreifend.

„O  meine  Seele,  meine  Taube,  mein  treues  Gespan!
O  Leben  meines  Lebens!
Dein  Tod  ist  mein  Tod.
In  wessen  Hand  hast  du  mich  hinterlassen?
Wer  sieht  mich  noch  an  mit  schönen  klugen  Augen?
Ungarn  II.

Wer  sagt  noch  zu  mir:  meine  liebe  süße  Blume?
Ach,  könntest  du  doch  mich  schelten,  mich  schmähen!
Ach,  sprächest  du  nur  ein  Wort  zu  mir!
Wie  froh  wollt'  ich  es  tragen,  wie  von  Herzen  es
bören."
            
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