Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Ungarn, Band 2

346
keiner  Eisenbahn  berührten  Theilen,  beinahe  in  ihrer  ganzen  Urwüchsigkeit  erhalten.  So
namentlich  das  sehr  interessante  Hochzeitsbitterthnm.
In  anderen  Theilen  des  Alföld  taugt  schon  jeder  beliebige  Mann,  der  Soldat
gewesen  ist  und  .rsAnlnin"  versteht,  zum  Hochzeitsbitter  und  macht  „Mode"  nach  eigenem
Geschmack  und  Gedanken,  zu  arger  Schädigung  der-  interessanten  und  ehrwürdigen  alten
Bräuche.  In  sehr  vielen  Ortschaften  der  Nylr  jedoch  besteht  das  Hochzeitsbitterthnm  noch
im  alten  Glanze.  Es  ist  dies  ein  wohlehrbares  Amt,  das  eine  eigene  Schulung  erfordert,
und  diese  zu  erlangen  ist  nicht  leicht,  daher  sie  sich  auch  meist  vom  Vater  auf  den  Sohn
vererbt.  Ein  richtiger  Hochzeitsbitter  sagt  nicht  einmal  „guten  Morgen"  in  Prosa,  auf
Alles  hat  er  einen  ,ricinus"  (Rhythmus  ---  Vers).  Unter  seinen  spitzfindig  ersonnenen
Hochzeitsgedichten  sind  die  interessantesten:  das  Begrüßungscarmen  im  Brautigamshaus,
das  Lebewohl  an  den  Bräutigam,  die  Begrüßung  im  Brauthans,  die  Einladung  an  den
Geistlichen,  das  Tüchleinbitten,  der  Tüchleindank,  das  Lebewohl  an  die  Braut  beim  Gang
zur  Trauung  und  bei  der  Rückkehr,  die  Begrüßung  beim  Eintritt  mit  der  Braut,  die
Ansage  der  Abendtafel,  der  Abendgruß  mit  der  Braut,  dann  die  Verse  beim  Aufträgen  der
Getränke  und  Speisen,  bei  jeder  Schüssel  besonders,  beim  Einhebeu  des  „Grützgeldes",
desgleichen  über  die  Musikanten,  das  Geschenk  der  Braut,  das  Geschenk  der  Brantführerin
und  der  Brautjungfer  n.  s.  w.  Diese  Reimreden  sind  bald  länger,  bald  kürzer,  doch  kommen
darunter  sehr  lange  vor,  z.  B.  der  Gruß  der  Braut,  der  34  Strophen  beträgt;  abwechselnd
sind  sie  ernst,  ja  von  religiöser  Tendenz,  oder  heiter  und  belustigend.
Lieder  und  Märchen  sind  bei  dem  Volke  sehr  beliebt,  in  jeder  Ortschaft  gibt  es
gewandte  Erzähler;  neue  Lieder  und  Sagen  jedoch  entstehen  jetzt  nur  noch  selten,  als  hätte
die  Neuzeit  die  Dichterkraft  des  Volkes  gebrochen.
Im  Bauen  und  Wohnen,  in  Hauseinrichtung  und  Tracht  unterscheidet  sich  das  Volk
von  Szabolcs  und  der  Nylr  wenig  von  dem  des  Alföld.  Einst  in  der  „Leinwandzeit"
konnte  man  wohl  noch  die  Frau  der  Nyirgegend  an  ihrem  selbstgesponnenen  und  gewebten
faltenlosen  Leinwandrock  erkennen,  sowie  den  Mann  an  seinem  mit  „Matyiquasten"
geschmückten  Gubamantel,  jetzt  aber  sind  diese  Erzeugnisse  der  Provinzindustrie  größtentheils
  verdrängt  und  nur  hier  und  da  ganz  selten  zu  erblicken.
Um  so  auffallender  sind  in  manchen  Theilen  der  Nylr,  besonders  in  Kis-Varda  und
Umgegend,  die  mit  dem  Bild  des  Mondes  verzierten  Grabmäler.  Diese  Holzfäulen  sind,
abweichend  von  den  zugespitzten,  götzenbildartigen  Kopfhölzern  des  Alföld  und  den  gleichsam
beturbanten  Grabmälern  im  Pester  Comitat,  rundbogig  geformt  und  im  Rundbogen  über
der  Grabschrift  mit  der  Figur  des  wachsenden  oder  abnehmenden  Mondes  verziert.  Die
Bedeutung  dieser  Mondfiguren  weiß  das  Volk  selbst  nicht  mehr,  bringt  sie  aber  immer
wieder  an,  um  der  von  Geschlecht  auf  Geschlecht  fortgeerbten  Sitte  zu  entsprechen.  Manche
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.