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Full text : Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Böhmen, 1. Abtheilung

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Es  ist  wahrscheinlich,  daß  zu  Beginn  des  Mittelalters  Böhmen  in  seiner
Gesammtheit  von  slavischen  Stämmen  bewohnt  war.  Doch  begann  schon  frühzeitig  die
Einwanderung  der  Deutschen  nach  Böhmen.  Bereits  die  ersten  böhmischen  Fürsten  liebten
es,  Deutsche  auf  wichtige  Posten  zu  berufen,  bis  schließlich  Premysl  Ottokar  II.  die
erste  größere  Colonisation  durch  Deutsche,  hauptsächlich  in  den  nördlichen  Gegenden
veranlaßte.  Die  Deutschen,  die  hier  Städte  begründeten,  erlangten  besondere  Privilegien,
die  Colonisation  nahm  zusehends  größere  Dimensionen  an.  Die  Husitenkriege  verdrängten
zwar  für  einige  Zeit  die  Deutschen  aus  Böhmen,  nichtsdestoweniger  rückten  die  deutschen
Niederlassungen  von  Norden  und  zugleich  auch  von  der  baierischen  und  österreichischen
Grenze  unablässig  vor,  so  daß  jetzt  die  Deutschen  beinahe  schon  zwei  Fünftel  der  Gesammtbevölkerung
  ausmachen.  Nach  der  letzten  Zählung  im  Jahre  1890  leben  in  Böhmen
3,644.188  Cechen  und  2,159.011  Deutsche.
Die  deutsche  Bevölkerung  breitet  sich  fast  ununterbrochen  an  der  ganzen  nordöstlichen,
nordwestlichen,  südwestlichen  und  südlichen  Grenze  des  Landes  aus,  namentlich  am  Fuße
des  Erzgebirges.  Blos  an  zwei  Stellen  ist  dieser  Gürtel  durch  Ausläufer  der  cechischen
Bevölkerung  durchbrochen,  und  zwar  bei  Taus,  wo  die  Cechen  die  Grenzen  erreichen,  und  an
der  entgegengesetzten  Seite  bei  Nachod,  wo  sie  sogar  die  Grenze  überschreiten.  Derartig  ist
das  Bild  der  gegenwärtigen  Vertheilung  beider  Völkerschaften  im  Königreiche  Böhmen,  der
cechischen  und  der  deutschen.  Es  ist  daher  natürlich,  daß  auch  das  Studium  der  Physischen
Beschaffenheit  der  Bevölkerung  immer  von  diesem  nationalen  Dualismus  ausgehen  und  zu
ihm  stets  zurückkehren  wird.  Auch  im  anthropologischen  Sinne  macht  sich  das  Streben  kund,
die  Deutschen  von  den  Cechen  zu  trennen,  beide  Völkerschaften  werden  für  sich  studirt  und
verglichen,  um  constatiren  zu  können,  ob  es  auch  physische  Verschiedenheiten  zwischen
beiden  gibt  und  ob  überhaupt  daun  weiter  ein  anthropologischer  Unterschied  besteht  zwischen
den  beiden  großen  Nationen  Europa's:  den  Slaven,  von  denen  ein  Glied  die  Cechen  bilden,
und  den  Deutschen,  zu  denen  man  zwar  vom  nationalen,  weniger  aber,  wie  sich  zeigen
wird,  vom  anthropologischen  Standpunkte  die  Deutschen  Böhmens  rechnen  kann.
Der  Anthropolog  sollte  die  ganze  Physis  eines  Volkes,  seine  ganze  Biologie  studiren
und  dem  Leser  vorführen.  Sowie  die  Anatomie  und  Physiologie  den  Körper  und  das
Leben  eines  Individuums  in  allen  seinen  Einzelheiten  erforscht,  so  sollte  auch  der
Anthropolog  hier  ein  vollständiges  Detailbild  aller  anatomischen  und  physiologischen
Verhältnisse  zwischen  den  verschiedenen  Bevölkerungsgruppen  Böhmens  vorführen  und
erörtern,  namentlich  zwischen  dem  cechischen  und  deutschen  Volke.  Das  kann  jedoch  bis
jetzt  nur  eines  der  Endziele  der  Anthropologie  sein.
Diese  Wissenschaft  ist  gegenwärtig  so  jung,  hat  bis  jetzt  so  wenig  Material  —  welches
wiederum  selbst  nur  theilweise  bearbeitet  ist  —  und  hat  so  wenig  genaue  statistische  Daten,
            
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