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Full text: Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Böhmen, 1. Abtheilung

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Die naive Unbefangenheit, mit welcher das Volk seine Lieder schafft und singt, läßt 
es als selbstverständlich erscheinen, daß die Singweisen als großes Ganzes genommen 
dasselbe Gesammtbild des Nationaltemperamentes bilden wie die Texte. Charakteristisch 
für die gesummte böhmische Volksmusik ist zunächst der Reichthum an rythmischen Motiven, 
die bei all ihrer Mannigfaltigkeit — auch im Takt: die dreitheiligen Taktarten haben das 
Übergewicht, ohne jedoch die zweitheiligen in den Hintergrund zu drängen — und bei aller 
Freiheit und Abwechslung im Gliederbau der Melodien doch immer zu einem einheitlich 
fließenden Ganzen sich fügen. Die Einwirkung der natürlichen Rhythmik der böhmischen 
Sprache, in der Wortaccent und Silbendehnung sich durchaus nicht decken, vielmehr in 
ihrer gegenseitigen Unabhängigkeit eine unerschöpfliche Fülle rhythmischer Combinationen 
zulassen, macht sich hier jedenfalls geltend: sie hat den Volksgesang vor einförmiger 
Verflachung auf diesem Gebiete bewahrt und zu dem nationalen Gepräge der Singweisen 
wesentlich beigetragen. So fällt z. B. dem Musiker, selbst bei flüchtiger Durchsicht der 
800 Melodien enthaltenden Sammlung Erbens, der interessante Umstand ans, daß das 
böhmische Lied im Grunde genommen keinen Auftakt kennt, sondern so gut wie durchwegs (die 
Ausnahmen sind geradezu verschwindend) mit dem schweren Takttheile anhebt: ruht ja 
doch der Accent des gesprochenen Wortes im Böhmischen auch stets auf dessen erster Silbe. 
Das Unr-Geschlecht herrscht im Volksgesang der Böhmen so sehr vor, daß die 
iUoll-Weisen nebst den gar nicht seltenen Nachklängen der mittelalterlichen Kirchentöne 
doch nur eine kleine Minderheit bilden. Dagegen herrscht nahezu Parität zwischen den 
beiden Tongeschlechtern (natürlich wenn man die unserem jetzigen Dur und Noll zwar 
verwandten, aber mit ihnen durchaus nicht identischen Tonleitern mitzählt) in den mährischen 
Volksliedern. Die Vergleichung der letzteren mit den böhmischen ist überhaupt von ganz 
besonderem Interesse. So mancher Gesang ist den slavischen Bewohnern beider Länder 
gemeinsam und weist hüben oder drüben höchstens unwesentliche Varianten auf; doch ist 
auf Seiten der Texte ohne Zweifel mehr des Gemeinsamen vorhanden als im Bereiche 
der Melodien. Zudem ist Mähren ethnographisch reich gegliedert und die conservativ fest 
gehaltene Eigenart der einzelnen Stämme macht sich natürlich auch in ihren Volksliedern 
auf das entschiedenste geltend, während bei der längst zu einem einheitlichen Ganzen ver 
schmolzenen slavischen Bevölkerung Böhmens die einstigen Stammesunterschiede unver 
gleichlich schwächere Spuren hinterlassen haben. Daher bieten denn auch die böhmischen 
Singweisen nicht die bunte Mannigfaltigkeit der mährischen, aber die einzelnen sind 
formell besser durchgebildet, der abendländischen Kunstmusik mehr verwandt, ohne übrigens 
den slavischen Grundzug ihres Charakters zu verleugnen. 
Ein frisch pulsirender, gar oft durch wirksame Accente, in einzelnen Fällen sogar 
durch Taktwechsel belebter Rhythmus, auf den jedenfalls die bei den Böhmen stets mit
	        
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