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Full text : Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Böhmen, 1. Abtheilung

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welche  die  Landbevölkerung  mehr  und  mehr  mit  der  städtischen,  mit  deren  Sitten,  Bedürfnissen, ­
  Moden  und  Lebensweise  in  Berührung  bringen  und  zur  Nachahmung  reizen:  gleich
Volkstrachten  schwinden  allmälig  die  Volkslieder.  Endlich  ist  der  Einfluß  der  modernen
Schule  nicht  zu  unterschätzen;  wird  in  ihr  der  Gesang  gepflegt,  so  drücken  neue  Weisen  und
ein  neuer  Charakter  des  Textes  das  urwüchsige  alte  Volkslied  allmälig  bei  Seite.  So  konnte
denn  schonErben,  als  er  für  seine  zweite  Auflage  auf  neue  Suche  ausging,  in  den  nördlichen
Gegenden  des  Landes  wahrnehmen,  daß  seit  dem  Jahre  1848  weniger  gesungen  werde.  Jan
Neruda  versichert  1891,  daß  er  vor  zehnJahren  zum  letztenmal  Schnitter  auf  dem  Erntefeld
habe  singen  hören,  und  derMährer  Bartos  prophezeite  um  dieselbeZeit:  „Mit  der  lebenden
oder  höchstens  mit  der  kommenden  Generation  wird  das  Volkslied  gänzlich  schwinden."
Und  ebenso  ist  es  mit  dem  nationalen  Tanz.  Das  böhmische  Volk,  wie  jedes  andere,
wird  am  Sonntag  und  auf  der  Kirchweih  stets  mit  Lust  und  Freude  tanzen,  aber  immer
seltener  seine  alten  urwüchsigen  Tänze  mit  ihrer  momentanen  Erfindung  und  Variirung,  als
vielmehr  Tänze,  die  ihm  sammt  den  Instrumenten  und  Noten  aus  der  Stadt  gebracht  werden.
Oh  Dudelsack  und  Dudelsackpfeifer,  im  Bild  seid  ihr  noch  oft  zu  sehen,  aber  blos  in  einigen
abgelegenen  Landstrichen  noch  zu  hören!  So  mancher  »äucküü«  hat  seine  unter
das  alte  Gerümpel  geworfen  und  sich  auf  noblere  Blas-  oder  Streichinstrumente  eingeübt;
vielleicht  wird  man  in  nicht  gar  zu  ferner  Zeit  die  nur  mehr  in  Sammlungen  zu
sehen  bekommen,  wo  man  dem  neugierigen  Besucher  beibringen  wird:  „Zu  den  Klängen
dieses  sonderbaren  Musikinstrumentes  hat  das  böhmische  Volk  durch  Jahrhunderte  seine
Tänze  und  seine  Lieder  erfunden."  Daß  übrigens  das  Bewußtsein  von  der  volksthümlichen
Bedeutung  der  anssterbenden  Sackpseise  auch  heute  noch  unter  den  Böhmen  ein  sehr
lebendiges  ist,  hat  erst  in  jüngster  Zeit  das  allgemeine  sympathische  Interesse  gezeigt,
welches  den  Sackpfeifern  auf  der  Jubiläumsausstellung  1891  entgegengebracht  wurde.
Gleichwohl  möchten  wir  dem  böhmischen  Volkslied  und  Tanz  nicht  geradezu  das
Todtenlied  singen.  Ein  liederreiches  Volk  wie  das  böhmische,  das  seit  jeher  einen
vorzüglichen,  ihm  nicht  etwa  blos  äußerlich  anhaftenden,  sondern  tief  in  seinem  innersten
Wesen  begründeten  Musiksinn  besessen,  kann  dieses  Musiksinnes  nie  ganz  verlustig  werden.
Wenn  es  sich  auch  nachgerade  daran  gewöhnt  hat,  für  seinen  Liederbedars  Beruflinnsiker
sorgen  zu  lassen,  von  der  Eintagserscheinnng  des  fahrenden  Bänkelsänger»  an  bi»  zu  dem
ernsten  Componisten,  dessen  Tondichtungen  es  gelungen,  im  Herzen  der  Nation  lebendigen
Wiederhall  zu  finden,  —  völlig  kann  das  angeborne  Jmprovisationstalent  ebensowenig
verloren  gehen  wie  die  angeborne  Sanges-  und  Tanzlust.
Von  der  Erfindung  neuer  Texte  zu  vorhandenen  Melodien,  seien  es  die  hergebrachten
alten  oder  die  kunstmäßig  neueren,  ist  dies  von  vornherein  klar;  aber  auch  von  neuen
Tonweisen  werden  wir,  wenn  nur  Volksfreunde  auf  die  rechte  Suche  gehen,  von  Zeit  zu
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Böhmen.
            
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