Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Böhmen, 1. Abtheilung

582

Mit  dem  Sommer  erscheint  ein  reiches  Geleite  von  Bräuchen,  die  der  Jugend  und
Lebensfreudigkeit  ihre  Entstehung  verdanken  und  in  voller  Übung  sich  erhalten  trotz  der
vielen  und  schweren  Arbeit,  die  der  Sommer  bringt  und  fordert.  Das  bekannte  „Fensterln"
('s  Schrä)  begünstigen  die  warmen  Nächte  ganz  besonders;  die  schönen  Mittwoch-  und
Samstagnächte  dienen  den  Umzügen  der  Burschen,  die  jauchzend  und  singend  dorfauf  und
ab  wandern  oder  vor  Häuser  sich  lagern,  in  denen  ein  freudiges  Ereigniß  (Verlobung  oder
Hochzeit)  stattfinden  soll.  Ist  die  Ernte  im  vollen  Gang,  dann  sammeln  sich  die  Burschen
bald  da  bald  dort  in  einem  Hofe  und  Helsen  Strohbänder  für  die  Garben  binden  unter
munteren  Scherzen  und  Gesängen;  solchen  Nächten  verdanken  viele  Lieder  ihr  Entstehen.
Die  Nächte  gegen  Ende  der  Ernte  sind  nicht  selten  sehr  ergötzlich.  Es  darf  sich  nur  treffen,
daß  zwei  Hausbesitzer  noch  gleich  viel  Getreide  einzusühren  haben,  so  kann  ein  Kampf  ums
Leben  nicht  mit  größerem  Eifer  geführt  werden  als  der  Wettstreit  um  die  Ehre,  nicht  der
Letzte  beim  Ernten  geblieben  zu  sein.  Jeder  zahlt  Arbeiter,  so  viele  er  auftreiben  kann,  borgt
Wagen  und  Pferde  und  befeuert  durch  Bier  und  Versprechungen  seine  Leute.  Die  Wagen
unter  ihren  schwankenden  Ladungen  ächzen  und  fliegen,  die  Garben  werden  vor  den
Scheuern  abgeladen,  um  nur  ja  recht  schnell  eine  neue  Fahrt  beginnen  zu  können.  Die
letzten  Fuhren,  welche  die  wetteifernden  Hofbesitzer  heimsühren,  gleichen  einem  Wettrennen.
Das  ganze  Dorf  wird  Zuschauer.  Alles  jauchzt,  treibt  an,  ermuthigt,  lacht.  Wehe!  Da  liegt
oft  der  Wagen  des  Einen  umgestürzt  und  der  Möglichkeit  beraubt,  noch  Sieger  zu
werden,  während  der  Andere  nun  jubelnd  und  gemächlich,  von  seinen  Arbeitern  umringt,
im  Triumph  nach  Hause  zieht.  Der  besiegte  Bauer  muß  sich  nun  von  Seite  der  Burschen
eine  Posse  gefallen  lassen.  In  der  folgenden  Nacht  schleppen  diese  so  viel  Stroh  zusammen,
als  sie  bekommen  können,  besteigen  in  der  Stille  des  Bauers  flaches  Hausdach  und  setzen
da  eine  ungeheure  Strohfigur  zusammen  in  Gestalt  einer  Ziege,  die  von  einem  Ende  des
Dachs  bis  zum  anderen  reicht.  Auf  die  Ziege  setzen  sie  einen  Riesen-Strohmann,  der  in
der  einen  Hand  eine  Geißel,  in  der  andern  einen  Knüttel  hält.  Wenn  das  Ungethüm
(Howagvas  —  Hafergeis)  fertig  ist,  bleibt  ein  Bursch  auf  dem  Dache  zurück,  während  die
anderen  gegen  Tagesanbruch  die  Dorfbewohner  mit  einem  Spottgedicht  wecken.  Natürlich
strömt  Alles  herbei,  umringt  lachend  und  lärmend  das  Haus  mit  dem  Wnnderthier  auf
dem  Kopf  und  entfernt  sich  nicht,  bis  der  Hofbesitzer  zum  allgemeinen  Ergötzen  mit  den
Knechten  die  Zerstörung  der  Ziege  beginnt  nnd  deren  Reiter  vernichtet  unter  Zuruf  der
Menge:
Wea  nöd  afsteiht  und  oarbat  nnd  gogt,
Dea  wird,  mirk  da's,  mit  da  Howagoas  plogt!
(Wer  nicht  aufsteht  nnd  eifert  und  jagt,
Der  wird,  merk  dir's,  mit  der  Hafergeis  'plagt!)
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.