MAK

Full text: Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Böhmen, 2. Abtheilung

222 
Auch die Behandlung des Materiales machte erhebliche Fortschritte. Durchschnittlich 
blieb man selbst bei größeren Bauten, die wie das Prager Agneskloster mit reichen Mitteln 
und unter Heranziehung tüchtig geschulter Arbeiter ausgeführt wurden, dem in unregcl 
müßigen Formen gehaltenen, mit dem Hammer etwas bearbeiteten Bruchsteine treu und 
bildete nur Eckvcrbände, Gesimse, Strebepfeiler, Fenster und Thnren aus sorgfältig 
behauenen Quadern. Mcrgelsandstein und der besonders in Südböhmen gebrauchte Granit 
wurden fast mit derselben Geschicklichkeit bearbeitet, die sich namentlich auch in den zarten 
Pfeiler- und Dienstcapitälen, sowie bei der Sculptur des Hauptschlußsteines der ehemaligen 
Prager Cyriakenkirche zum heil. Kreuze offenbarte. Dem Ziegelbau wandte man sich bei 
der Nimburger Dominicaner- und bei der Königgrätzer Heiligengeistkirche zu und bediente 
sich des bei mittelalterlichen Backsteinbauten oft auftretenden wendischen Verbandes. 
Zerstreute urkundliche und chronikalische Zeugnisse ermöglichen auch einzelne Ein 
blicke in den Baubetrieb des XIII. und beginnenden XIV. Jahrhunderts, die allerdings 
vorwiegend auf Kirchenbantcn sich beschränken. War für einen Neu- oder Restaurationsball 
die Erlaubniß der kirchlichen Behörde herabgelangt und durch Ablaßertheilung ein zug 
kräftiger Fördcrungsbehelf zur Erreichung der erforderlichen Mittel gefunden, so wurde 
mit einem Baumeister verhandelt und ihm die Ausführung des Werkes um eine bestimmte 
Summe überlassen. Für die Beschaffung des erforderlichen Materiales hatte derselbe nicht 
zu sorgen. Die gesonderte Bezahlung für die Steinbrecher fiel offenbar meist dem Bau 
herrn zu, der auch das Material auf dem Land- oder Wasserwege hcrbeizubringen ver 
pflichtet war. Die Grundsteinlegung wurde feierlich begangen und durch einen dazu 
besonders entsandten kirchlichen Würdenträger nicht selten in Gegenwart geistlicher und 
weltlicher Machthaber vorgenommen; bei hervorragenden Anlagen, wie bei der Königsaaler 
Stiftskirche, war der Grundstein durch besondere Bearbeitung ausgezeichnet. Das Material 
wurde auf dem Bauplätze selbst in der zu diesem Zweck errichteten Bauhütte und neben 
derselben zweckentsprechend hergerichtet und schwierigere Bewältigung desselben von einem 
fürsorglichen Bauherrn besonders entlohnt. Die Art der Ausführung eines Baues ver 
anschaulicht aufs deutlichste die Darstellung des Thurmbaues zu Babel in der Velislav- 
schen Bildcrbibel (Prag, Bibliothek des Fürsten Lobkowitz). Die Lasten erscheinen durch 
den Krahn, in dessen Trittrade ein Mann geht, gehoben, Handlanger bringen auf einer 
Leiter in muldenförmigem Troge den Mörtel hinaus, der in kleineren Mengen zum 
Gerüst emporgereicht wird. Die Bretter des letzteren ruhen auf starken, aus den Gerüst- 
lvchern hervorragenden Balken. Auf dem Gerüst selbst sind zwei Werkleute eben mit der 
Ausmauerung beschäftigt, indem der eine durch Hammerschläge dem Stein eine genau 
entsprechende Form zu geben sucht und der andere mit der Kelle den Mörtel aus einem 
vor ihm stehenden Gefäße auf den Stein aufträgt. Der Umstand, daß der Stein noch an
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.