MAK

Full text: Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Mähren und Schlesien

258 
Dämmerung umgeht. Die Walachen kennen wieder einen Waldgeist Midien, dem man auf 
sein Rufen nicht antworten darf. Eine eigcnthümliche Wandlung hat die deutsche Perhta in 
der Volksanschaunng der Hannaken erfahren, indem sie ihr Geschlecht gewechselt hat, denn 
der hannakische sporoelitn ist ein Mann, der am heiligen Abend jenen Kindern, die nicht 
gefastet haben, mit einem Bohrer den Leib durchbohrt. Daß in der mährischen Sagenwelt 
auch der Drache eine nicht geringe Rolle spielt, ist selbstverständlich. Erwähnt sei nur 
der im Brünner Nathhans noch heute verwahrte „Drache", der allerdings nichts weiter ist 
als ein Krokodil, von dem jedoch die Sage erzählt, daß ihn der zum Tode vernrtheilte 
Ränberhanptmann Obeslik getvdtet hat und für die Befreiung der Gegend von dieser 
Landplage nicht nur amnestirt, sondern auch mit Ehren und Gütern belohnt wurde. Von ihm 
leitete die bereits ansgestorbene Rittersamilie der Obeslik von Lipnltovitz ihre Abkunft ab. 
Unter den noch erhaltenen historischen Sagen des mährischen Volkes dürfte die 
zugleich einzige hannakische, in Chropin (zwischen Olmütz und Kremsier) localisirte Sage 
vom König Jecnn'nek die älteste sein. In ihrer jedenfalls neueren Ausschmückung erinnert 
sie allerdings an die GenovefwSage. Ein im Chropiner Schlosse residirender Edelmann 
wird vom Volke wegen seiner Weisheit und sonstigen Tugenden zum König erwählt; mit 
der Zeit erfolgt jedoch in seinem Innern ein vollständiger Umschlag, er wird zu einem 
lasterhaften Wütherich, der seine tugendhafte Frau verstößt. Um seiner grimmigen Wuth 
zu entgehen, verbirgt sich die Königin aus den Feldern im Getreide und wird in einem 
Gerstenfelde von einem Knaben entbunden, dem infolge dessen vom Landvolke der Name 
^ecmi'nek, d. i. Gerstenkörnchen, beigelegt wird. Zn spät wird der König von Reue ersaßt, 
vergeblich sucht er dann seine verstoßene Frau und sein Kind, — es verschwand wie ein 
Gerstenkorn (ötrnkil so fall soamiriolZ und wird heute noch zur Weihnachtszeit in der 
Umgegend von Ehropin vom Landvolke gesucht. Man bringt diese Sage gewöhnlich mit 
dem sagenhaften Verschwinden des großmührischen Königs Svatoplnk in Verbindung, 
obgleich es auch nicht an Versuchen fehlt, den Jecmrnek als ein mythisches Wesen aus 
vorchristlicher Zeit zu deuten. Ist das erstere richtig, dann gehört sie demselben Zeitalter 
an wie die zahlreichen Legenden von den Aposteln des mährischen Volkes, Cyrill und 
Method. Es gibt sehr viele Ortschaften in Mähren, die mit Ehrfurcht und Stolz zugleich 
eine Stelle in ihrem Gemeindegebiete bezeichnen, an der die heiligen Männer das Evangelium 
gepredigt haben sollen; ja an manchen Stätten sieht das Volk heute noch die wunderbarer 
Weise für immerwährende Zeiten hinterlassenen Spuren ihrer ehemaligen Anwesenheit. Es 
ist selbstverständlich, daß die meisten dieser Legenden in dem Bischofssitze Methods, in 
Velehrad und seiner Umgebung, spielen. In ganz Mähren bekannt ist ferner die mit der 
Landesgeschichte eng verwebte Sage von der Errettung des mährischen Volkes aus der 
Tatarennoth durch die gnadenreiche Gottesmutter auf dem Hosteinberge, wo heute noch ein
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.