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Full text : Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Tirol und Vorarlberg

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Die  recht  magere  Pflanzendecke  der  Paßhöhe  und  die  auf  der  Nordseite  in  nächster  Nähe
bis  zu  2.800  Meter  aufragenden  kahlen  Bergriesen  des  zu  unserer  Rechten  vorherrschenden
Dolomitenkalks  geben  im  Ganzen  ein  ernstes,  fast  düsteres  Bild,  das  durch  den  Waldschmuck ­
  der  südlichen  Berge,  welche  der  Gneiszone  angehören,  nur  wenig  gemildert  wird.
Das  mehr  als  frische  Lüftchen,  das  auch  an  Sommertagen  über  den  Paß  hinstreicht,  läßt
ahnen,  wie  der  Winter  hier  Hausen  mag,  und  welche  Aufgabe  die  Leute  hatten,  denen  es
bis  vor  kurzem  oblag,  den  Weg  für  das  Fuhrwerk  frei  zu  halten.
Mit  der  Wasserscheide  und  der  politischen  Grenze  haben  wir  aber  auch  eine  andere
Marke  überschritten;  wir  kommen  nun  auf  unserem  Wege  aus  dem  Gebiete  des  baierischen
Stammes  in  jenes  des  alemannischen,  und  der  von  Tirol  her  kommende  Wanderer  wird
bald  den  sehr  bedeutenden  Unterschied  in  Sprache,  Tracht,  Hausbau  rc.  wahrnehmen.
Die  Straße  führt  noch  eine  geraume  Strecke  ziemlich  eben,  endlich  senkt  sie  sich,
wenn  auch  nicht  stark;  am  Beginn  der  großen  Serpentine,  die  uns  hinabführt,  öffnet  sich
uns  der  Blick  ins  Klosterthal.  Im  Vordergrund  des  Bildes  sehen  wir  ein  ärmliches
Dörfchen,  das  durch  einen  starken  Steindamm  vor  den  Lawinenstürzen  des  Erzberges
geschützt  ist;  es  ist  Stuben  (1.418  Meter),  vom  Volkswitz  „des  Kaisers  größte  Stuben"
genannt.  Vor  kurzem  noch  eine  wichtige  Poststation,  führt  es  nun  in  seiner  unwirthlichen
Umgebung  ein  wenig  freudiges  Dasein.
Wir  wollen  heute  nicht  der  „größten  Stube"  Gastfreundschaft  in  Anspruch  nehmen,
sondern  wenden  uns,  bevor  die  schöne  Paßstraße  das  Dorf  erreicht,  von  derselben  ab.
Genau  nordwärts  von  Stuben  zeigt  sich  ein  Einschnitt  in  der  Gebirgskette  zwischen  dem
Erzberg  und  dem  Ochsenboden,  welcher  den  Übergang  ins  Lechthal  vermittelt,  der
Flexenpaß,  von  dem  sich  vor  unseren  Augen  ein  hübscher  Wasserfall  herabstürzt.  Indem
wir  dem  Stubenbach  aufwärts  folgen,  erreichen  wir  auf  einem  guten  Karrenweg  in  zahlreichen ­
  Windungen  die  Paßhöhe  (1.761  Meter)  und  befinden  uns  nun  in  einem  Hochthal,
dessen  freundliche  Matten  zahlreichem  Vieh  ergiebige  Weide  bieten.  Wo  das  Thal  sich  am
meisten  ausweitet,  liegt  das  nur  im  Sommer  bewohnte  Alpendörschen  Zürs.  Weiter  nordwärts ­
  senkt  sich  der  Weg,  unter  uns  rauscht  ein  lustiges  Bergwasser,  dessen  Thal  sich
immer  mehr  verengt,  bis  es  zur  völligen  Schlucht  wird,  an  deren  Gelände  für  unseren
Karrenwcg  sich  kaum  noch  Raum  findet;  da  auf  einmal  liegt  die  schönste  Mulde  des
obersten  Lechthals  vor  uns  und  in  derselben  das  freundliche  Dörfchen  Lech,  zwischen
herrlich  grünende  Matten  gebettet,  von  gewaltigen  Bergen  umrandet,  unter  denen  das
schön  ausgebaute  Omeshorn  (2.572  Meter)  das  Wahrzeichen  für  Lech  bildet.
Obwohl  ein  echtes  Hoch  alp  enthal,  entbehrt  das  oberste  Lechthal  bis  etwas  über  Lech
hinaus  doch  nicht  einer  gewissen  Milde,  die  es  seinen  prächtigen  Alpenwiesen  und  den
bewaldeten  Gehängen  verdankt.  Im  äußersten  Hintergrund  des  Thals  erhebt  sich  die
Tirol  und  Vorarlberg.  7
            
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