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Full text : Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Tirol und Vorarlberg

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Wiesen  und  reifenden  Kornfelder  und  darüber  der  tiefblaue  Soinmerhimnrel,  in  dem  die
Lerchen  trillern,  bis  sie  das  Krachen  der  Pöller  und  Knallen  der  Gewehrsalven  verscheucht,
—  Alles  das  gewährt  ein  Bild  so  voll  Andacht  und  Poesie,  daß  die  prunkhafte  Feier  in  den
Städten  dagegen  verschwinden  muß.  Im  Dorfe  Tirol  bei  Meran  wird  der  heilige  Urban,
der  Beschützer  der  Weinberge,  auf  einem  Thronsessel  sitzend,  in  päpstlichem  Ornat  und
mit  Trauben-  und  Rebengewinde  umgeben,  in  feierlicher  Procession  zum  Segenbühel
hinaufgetragen,  was,  vom  Thal  aus  gesehen,  einen  wirkungsvollen  Eindruck  macht.
Auch  die  stille  Feier  der  Kräuterweihe  am  Maria  Himmelfahrtstag  (15.  August),
wobei  die  während  der  vom  Volke  hochverehrten  Zeit  der  „Dreißgen"  (15.  August  bis
8.  September)  gepflückten  sogenannten  Dreißgenkräuter,  als  da  sind:  Himmelbrand,
Wermuth,  Wohlgemuth,  Tausendgüldenkraut  und  vor  Allem  Karbendel,  vom  Priester
geweiht  werden,  gehört  zu  den  Sommerfestlichkeiten  des  Gebirgsvolkes.
Hier  ist  auch  noch  einer  kleinen  christlichen  Feier  zu  gedenken,  die  hoch  oben  auf  den
Almen  vor  sich  geht,  nämlich  der  Einsegnung  der  Alpe  durch  einen  Priester  der  Gemeinde.
Es  geschieht  dies  nicht  nur,  um  Hütte  und  Vieh  vor  dem  Spuk  und  Einfluß  böser  Wetterhexen ­
  und  schadenfroher  Kobolde  zu  bewahren,  sondern  auch,  um  für  den  Ertrag  des
Alpennntzens  den  Segen  des  Himmels  zu  erflehen.  Es  geht  daher  bald  nach  dein  „Auftrieb" ­
  der  Pfarrer  oder  der  Hilfspriester,  begleitet  vom  Meßner,  hinauf  zur  Alm,  wo  ihn
schon  der  Senner  oder  die  Sennerin  im  Festtagkleid  erwartet.  Dort  nimmt  er  ein  Frühstück. ­
  Unterdessen  treibt  der  Senner  das  Vieh  in  den  Hag,  ein  anderer  zündet  die  Kerzen
an  und  die  Einsegnung  geht  vor  sich.  Sie  besteht  in  dem  Lesen  von  diesbezüglichen
Gebeten  und  darauffolgender  Besprengung  und  Einsegnung  der  Hütten,  sowie  der  Geräthschaften,
  des  Personals  und  des  Viehs,  das  klingelnd  und  brüllend  die  Gruppe  umsteht.
Auf  größeren  Alpen,  bei  denen  sich  häufig  ein  kleines  Kirchlein  oder  eine  Kapelle  befindet,
wird  das  Gebet  in  dieser  vorgenommen.
Den  größten  Reichthum  von  sinnigen  Gebräuchen  weist  die  heilige  Weihnachtszeit
auf.  Den  Beginn  macht  der  Advent  mit  dem  kindererfreuenden  Nikolausfeste.  Weihnachten
als  Beschenknngstag  kennt  man,  wenigstens  auf  dem  Lande,  nicht.  Die  Stelle  des  Christkindes ­
  und  des  freundlichen  lichterstrahlenden  Weihnachtsbaums  vertritt  der  Nikolaus,
der  „goldene  Mann",  den  das  fromme  Gemüth  der  Älpler  mit  allem  poetischen  und
unpoetischen  Zauber  ausgeschmückt  hat.  Deshalb  beten  die  Kinder,  wenn  es  gegen  diese
Zeit  geht,  vor  dem  Schlafengehen:
Heiliger  Nikolaus,  du  goldener  Manu,
Bring  uns  allerhand  Sachen  znsamni,
Allerhand  „Gutthaten",  kräftige  Sachen,
Mußt  uns  heute  die  Schüssel  voll  machen.
            
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