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Full text : Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Tirol und Vorarlberg

dem  früheren  „Brettelbohren"  anklebte,  verloren  gegangen,  aber  der  Eifer  für  das  alte
Vergnügen  ist  geblieben.  Daß  es  dem  tirolischen  Bauer  an  Gelegenheit  zur  Unterhaltung
und  Ergötzlichkeit  nicht  fehlt,  zeigt  auch  die  „Sommerfrische",  die  er  jährlich  mit  der
ganzen  Familie  hoch  oben  auf  den  „Bergmähdern"  genießt,  im  Winter  aber  das  „Eisschießen" ­
  und  Rodeln  oder  Schlitteln,  sowie  die  „Vogelbälle"  und  ähnliche  Vorgänge,  die
zu  beschreiben  den  Rahmen  überschreiten  würde.
Ehe  wir  von  Lebensweise,  Sitten  und  Gebräuchen  des  Volkes  in  den  Dörfern  Abschied
nehmen,  müssen  wir  noch  kurz  einen  Blick  auf  die  Berge  werfen,  wo  sich  hoch  über  dem
Thale  während  der  Sommerszeit  ein  Leben  ganz  eigenthümlicher  Art  abspielt,  nämlich
das  Almen-  oder  Sennerleben.  Der  Fntterreichthum  der  Thalsohle  würde  zum  Unterhalt ­
  des  bäuerlichen  Viehstandes  nicht  genügen,  hingegen  bergen  die  Abhänge,  Rücken  und
Einsenkungen  (Kare)  des  Hochgebirges  einen  Schatz  der  kräftigsten  Futterkrüuter.  Deshalb
schickt  jeder  Bauer,  der  Vieh  besitzt,  dasselbe  Mitte  April  ans  die  Alm  oder  Alpe,  wo  es
bis  anfangs,  bei  günstiger  Witterung  sogar  bis  Mitte  October  bleibt.  Die  Ausfahrt  zur
Alpe  ist  nicht  nur  ein  Fest  für  den  betreffenden  Hof,  sondern  auch  für  das  ganze  Dorf.
Die  Kühe,  die  um  die  Zeit  des  Auftriebes  schon  unruhig  werden,  find  mit  den  großen
Glocken  (Klumpern)  und  Schellen  behängen,  auch  der  Senner  hat  einen  riesigen  Reisebüschel ­
  aus  Rosmarin  zum  Geschenk  erhalten  und  schreitet  mit  „Kraxe"  und  Bergstock
pfeifend  und  singend  dem  sich  ordnenden  Zuge  voraus.  Hinter  ihm  geht  zuerst  die  schöne
Leitkuh,  die  schon  öfters  auf  der  Alm  war  und  daher  den  Weg  kennt,  dann  folgen  die
Milchkühe  und  der  Stier,  der  die  Ketten  tragen  muß.  Den  Schluß  macht  das  Galtvieh,
Kälber,  Schafe  und  Ziegen  und  die  grunzenden  Schweine,  welche  der  beigegebene  Knecht
ui  Ordnung  hält.  Das  wohlbepackte  „Almwagerl"  mit  Lebensmitteln  und  Gerätschaften
fährt  hintendrein.  Sobald  man  ans  dem  Bereich  der  Wohnungen  gekommen  ist,  nimmt
man  dem  Alpenvieh  die  schweren  Glocken  ab,  die  kleinen  Schellen  läßt  man  ihm.
Gewöhnlich  bezieht  man  nicht  gleich  die  eigentliche  Alm,  sondern  führt  das  Vieh
zuerst  auf  die  sogenannte  Asten,  wo  dasselbe  von  Mitte  April  bis  Mitte  Mai  bleibt.  Es
sind  dies  Hütten,  welche  von  einem  umzäunten  Mahd  umgeben  sind.  Hier  bleibt  das  Vieh,
bis  die  Witterung  die  Auffahrt  zur  Hauptstation,  dem  sogenannten  Niederleger  gestattet.
Hier  ist  die  eigentliche  Alm  mit  der  Residenz  des  Senners.  Gewöhnlich  sind  es  weitgedehnte ­
  Grasböden,  die  sich  oft  bis  ans  Geschröffe  hinanziehen  und  mit  den  würzigsten
Futterkräntern,  Marbel  und  Madaun,  bewachsen  sind.  Bei  großen  Alpen  befinden  sich
mehrere  Senn-  oder  Almhütteu,  gewöhnlich  Kasern  genannt,  auf  dem  Mahde  vertheilt,
so  daß  das  Niederleger  oft  wie  ein  Alpendorf  aussieht.  Solche  sind  z.  B.  die  große  Alpe
Lizum  zwischen  dem  Watten-  und  Navisthal,  die  10  Kaser,  20  Vieh-  und  11  Sauhäge
besitzt,  oder  die  „große  Zemm"  im  Acheuthal  mit  42  zur  Hälfte  gemauerten  Senn-
            
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