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Full text: Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild: Tirol und Vorarlberg

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gewonnen, und die Ernte war eine so sichere, daß die Bauern dieselbe noch vor Beendigung 
der Zucht leicht verkaufen konnten; in jedem Dorfe arbeiteten in den Sommer- und 
Herbstmonaten wenigstens ein paar kleine Seidenspinnereien (Spinnstühle) meist unter 
freiem Himmel; überall hörte man das Geräusch der sich drehenden Haspeln und den 
fröhlichen Gesang der spinnenden Mädchen. 
Die durchschnittliche Cocon-Production der Vierziger-Jahre gibt Staffler (Tirol 
und Vorarlberg 1848) im Ganzen mit 5,367.000 kleinen oder 3,220.000 Wiener- 
Pfunden (gleich 1,803.312 Kilogramm) an, wovon 974.600 auf den Kreis Novereto und 
2,144.250 auf jenen von Trient fielen, während in Deutschtirol nur 101.250 Wiener 
Pfund Galetten erzielt wurden, wovon 50.000 Pfund auf den Bezirk Kaltem, 30.000 Pfund 
auf den Bezirk Neumarkt und 250 Pfund auf Brixen entfielen. 1852 betrug die Cocon- 
ernte 3,713.930 Pfund oder über 2 Millionen Kilogramm. 
Die Production war trotz des billigen Preises der Galetten im sichtlichen Steigen 
begriffen, als im Jahre 1855 auch in Tirol die Körperchen- oder Fleckenkraukheit 
auftrat. Die alte werthvolle gelbe Race fiel der Krankheit zum Opfer. Man durchwanderte 
zunächst den Orient, überall nach gesundem Seidenraupensamen fahndend, um endlich, 
wie die übrigen Seidenländer, die Zuflucht zum fernen Japan zu nehmen. Es war 
namentlich der ehrwürdige Don Grazioli, welcher wiederholte Reisen unternahm, um 
das Land mit gesünderem, wenn auch weniger werthvollem Seidenraupensamen zu versehen. 
Der damals eingeleiteten Action entstammt auch ein Fond von über 100.000 Gulden, 
der, vom Landesculturrath in Trient verwaltet, auch jetzt noch wesentlich zur Förderung 
der Seidenzucht beiträgt. 
Bis zum Jahre 1869 war der heimischen Seidenzucht nur ein kümmerliches Dasein 
beschieden. Die großen Auslagen, welche nunmehr mit derselben verbunden waren, das 
häufige Mißglücken der Zuchten machten ihren Ertrag sehr zweifelhaft. Die Seiden 
zucht glich einem Lotteriespiel; einzelne Glückliche gewannen, die Mehrzahl verspielte. 
Endlich im Jahre 1870 schimmerte den Seidenzüchtern wieder ein Hoffnungsstrahl. 
Mit Hilfe des Mikroskopes wurde das Wesen der Krankheit erkannt und alsbald gelang 
es auch, sie erfolgreich zu bekämpfen. Mit Unterstützung der Regierung brachte es die 
Handelskammer in Rovereto und der landwirthschaftliche Verein (Loirsormo n»rario) in 
Trient dazu, gesunden Samen zu erzeugen. Gleichzeitig wurden die Zuchten im Allgemeinen 
kleiner und besser geleitet, daher auch sicherer. 
Vielfach wich die Seidenzucht wohl dem Weinbau, dem man jetzt größere Aufmerk 
samkeit als früher schenkte, immerhin aber blieb sie einer der wichtigsten landwirthschaftlichen 
Betriebszweige, wenigstens im italienischsprachigen Landestheile, während sie in Deutschtirol 
allerdings fast jede Bedeutung verlor. 
Tirol und Vorarlberg. 
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