599
Arbeitsverdienst. Zu Lustenau, Höchst, Wach und noch in vielen anderen Orten im
Bregenzerwald, dessen Bewohner im Sommer vielfach als Gypser, Steinhauer und
Maurer nach Frankreich ziehen, um im Winter wieder heimzukehren und mit der Stickerei
etwas zu verdienen, findet man fast in jedem Hause eine Stickmaschine, deren Betrieb
entweder den einzigen Erwerbszweig der Bewohner ausmacht oder ihnen doch während
der Zeit, die nicht durch landwirthschaftliche Arbeit ausgefüllt ist, ein mehr oder weniger
lohnendes Nebeneinkommen bietet. Heute verdient sich ein Sticker — die Arbeit wird nach
der Anzahl der gemachten Stiche bezahlt — 2 bis 2^/s, selbst 3 Francs.
Die Plattstich- und Schifflimaschine, 1870, beziehungsweise 1883 eingeführt,
erfordert mit Ausnahme des Einfädelns, wozu Heranwachsende Mädchen verwendet werden
(Fädlerinnen), männliche Bedienung, und demgemäß hat die Zahl der männlichen Arbeiter
in dieser Industrie außerordentlich zugenommen. Approximativ wird die Zahl der Stickmaschinen
ans 5.600 geschützt, das heißt es kommt auf je 20 Personen eine Stickmaschine,
woraus man am besten die Ausdehnung und den Charakter der Stickerei beurtheilen kann.
Von diesen Maschinen sind 2.500 Kettenstich-, 3.000 Plattstich- und 100 Schifslimaschinen.
Das in den Stickmaschinen angelegte Kapital beträgt circa fünf Millionen Gulden.
Die Kettenstichstickerei erzeugt hauptsächlich Vorhänge, ferner die speciell für Indien
bestimmten sogenannten Colonnen (in schrägen Streifen bestickte Mousseline), außerdem
noch einige Specialitäten, wie goldgestickte Teppiche. Die Plattstich- und Schifslimaschinen
liefern Confectionsartikel: Weißstickereien, ein- und mehrfarbige Roben, daneben v erschiedene
Specialitäten, wie Decken, Taschentücher, Cravatten, Vorhüngestoffe, Luftstickereien rc.
Das Hanptabsatzgebiet der Stickerei-Industrie ist Nordamerika, ferner England und
Frankreich, die übrigen europäischen Staaten, der Orient, Indien und Südamerika.
Was endlich die anderen Zweige der Textilindustrie anbelangt, so ist die Seidenband-
und Seidenfoulard-Fabrication durch drei große Etablissements vertreten; in
Bregenz wurde vor zwei Jahren eine Fabrik für Schafwoll-Wäsche und -Kleider (Jäger'sche
Normalwäsche), in Hörbranz eine ziemlich ausgedehnte Filzfabrik in Betrieb gesetzt.
Aus diesen kurzen Ausführungen geht hervor, daß die Textilindustrie in der That
die charakteristische Industrie Vorarlbergs ist. Daneben besteht aber noch eine stattliche
Reihe anderer industrieller Etablissements, deren Zahl sich insbesondere im letzten
Decennium sehr vermehrt hat und die znm großen Theile Fabricationszweige betreiben,
die früher im Lande unbekannt waren. Kurz znsammengefaßt zählt Vorarlberg — wobei
theilweise von kleineren Unternehmungen abgesehen wird — zwei Eisengießereien, eine
Drahtstiftenfabrik, zwei Maschinenfabriken, eine sehr interessante Uhrenfabrik in Bregenz
mit Dampfbetrieb und 140 Arbeitern, welche täglich 350 Stück Wecker und Regulateure
erzeugt, 173 Sägewerke, 45 Gerbereien, darunter eine sehr bedeutende in Bregenz, welche