Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild, 1. Abtheilung: Wien

105

sich  an  dem  Gräberschmuck;  er  liest  abermals  und  abermals  die  ihm  ohnehin  bekannten
Inschriften,  versucht  neuerdings  die  unlesbaren  zu  entziffern,  copirt  die  Verse,  hat  dabei
seine  üblichen  Privatgedanken  und  macht  hierzu  seine  persönlichsten  Glossen,  notirt  sich
auch  die  verfallenden  Denkmäler  und  erinnert  auf  (anonymen)  Karten  die  „vermuthlich"
vermöglichen  Verwandten  des  Verstorbenen  an  ihre  Pietütsschuld  und  spielt  so  gleichsam
das  „Friedhofsgewissen"  und  besorgt  freiwillig  die  „Friedhofs-Observanz",  was  wohl
auch  ein  Vergnügen  sein  mag;  während  ein  Anderer  am  jeglichen  Nachmittage  bei  den
Kirchenthüren  der  notabelsten  Bezirke  sich  einfindet,  um  die  Gäste  der  Leichenbegängnisse
und  Hochzeits-Feierlichkeiten  kritisch  zu  mustern  und  die  Anzahl  der  beigestellten  Miethwagen
  mit  ähnlichen  Fällen  und  bei  gleich  begüterten  Familien  zu  vergleichen.  Stabile
Beschäftigungen,  respective  „Unterhaltungen"  bescheidener  Leute,  Muster  der  Genügsamkeit ­
  und  „Vergnügungs-Ökonomie",  wovon  später  noch  einige  Abarten  vorgeführt
werden  sollen.
Besonders  organisirte  Staturen,  perfecte  „Aufpasser"  sind  wieder  nur  beim  Wasser
zu  treffen;  der  Eine  treibt  „Fischerei"  —  wenn  das  Wort  keine  Anomalie,  —  bethätigt
aber  wenigstens  durch  sein  stundenlanges,  meist  erfolgloses  Ausharren  den  oft  angefeindeten
Lehrsatz,  daß  der  Mensch  —  unter  Umständen  —  doch  das  geduldigste  Geschöpf  der  Erde  ist,
und  wird  hierbei  durch  seinen  Nachbar  unterstützt,  welcher  in  diesem  Fache  zweifellos  noch
Größeres  leistet,  indem  derselbe  keine  active,  sondern  eine  eontemplative  Rolle  übernommen
hat  und  sich  damit  bescheidet,  den:  „Pechfischer"  bei  seinen  unglücklichen  Hantierungen
und  vergeblichen  Fangversuchen  mit  der  gleichen  Ausdauer  —  znznschauen.  Zu  diesen
friedlichen  Zeittodtschlägern  gesellen  sich  in  gehöriger  Entfernung  jene  ernsten,  gleichfalls
schweigenden  Gruppen  von  officiellen  Pintscher-  und  Pudelscheerern  und  überhaupt
geprüften  „Hundewäschern",  robuste  Gestalten,  von  der  Wichtigkeit  und  akademischen  Reife
ihrer  Thätigkeit  tief  überzeugt,  welche  nicht  minder  ihr  Stammpublieum  von  aufmerksamen
Beobachtern  haben,  die,  wenn  die  „Saison"  vorüber,  mit  demselben  Gedulds-Phlegma  den
Schnee-Abladungen  und  Eisverführungeu  oder  wieder  ein  andermal  bei  vorzunehmenden
Uferversicherungen  dem  melodischen  Pilotenschlagen,  der  Ausbarkirung  von  Schindeln,
Kehlheimerplatten,  Granitwürfeln  oder  Salzstöcken  und  an  Markttagen  der  Landung  von
Obstschiffen  re.  ihre  ungetheilte  Achtsamkeit  widmen.  Alle  diese  Leutchen  vermag  nur  das
Wasser  anzulocken  und  aus  ihrer  Behausung  zu  treiben.
Andere  kauern  dafür  tage-  und  nächtelang  in  Gebüsch  und  Auen.  Sie  eultiviren
keinen  erlaubten  Sport,  aber  das  Verbot  ist  eben  das  sieghafte  Reizmittel.  Ein  bischen
Wildern  mit  Netzen  und  „Maxen"  und  Schlageisen,  ein  heimlicher  Vogelfang  —  und
sie  hungern  und  dursten  und  ertragen  Me  ärgsten  Wetterunbildeil  und  riskiren  nicht  nur
vielstündige  Märsche,  sondern  auch  Schlimmeres,  falls  sie  ertappt  werden.  Aber  weder
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.