112
die „schöne Welt" ihre Rendezvous gibt, aber die übrigen Gärten, die dem großen
Publicum zur Erholung geöffnet, sind doch zumeist nur von jener Menschenclasse bevölkert,
bei welcher Schmalhans Küchenmeister und die äußerste Knappheit Lehrmeisterin ist.
Trotzdem sind die „Landpartiemacher" (im großen und kleinen Stile) in Wien in der
Majorität.
Mit „Kind und Kegel" ziehen sie schon beim Morgengrauen fort; die Einen zu den
Bahnhöfen, die Anderen zu den Stellwagenplätzen, zu den Fiaker- und Comfortableständen,
oder der Fußmarsch wird angetreten, mitunter nach weitentlegenen Punkten, denn die
„Kraftmeier" und „Gehfexe" — eine eigene Touristen- und Ausflügler-Sorte — kann
nur ein anstrengender, athembeengender, schweißtreibender, bis „zumUmfallen" ermüdender
„Spaziergang" befriedigen. Man will ja auch von seiner und der Angehörigen Ansdauer
den staunend Horchenden einige Proben zu erzählen haben.
Durch die beinahe fabelhafte Raschheit der Verkehrsmittel der Neuzeit sind zwar auch
die steirischen Alpen und andere „exotische" Panoramen bereits in die „Umgebungen
Wiens" eingereiht worden und die „Semmering-Fahrten" zum Beispiel entziehen in der
Wandersaison an einem Tage allein oft Tausende, aber der Kern und die Mehrheit der
„Landpartiemacher" begnügt sich aus leicht erklärlichen Gründen doch mit den nicht
weniger malerischen, aber einfacher und billiger zu erreichenden Landschaften des nächsten
Umkreises, vorzüglich des unvergleichlich romantischen „Wienerwaldes" und läßt sich
auch da gut geschehen.
Ein lustiger Anblick ist es, wenn die Trupps in bequemster Adjustirnng durch die
Feldwege, über die Berghänge, aus Waldesdickicht angerückt kommen! Sie sind hochgeröthet,
je nach den irrig eingeschlagenen Routen auch staubbedeckt, aber von Verdruß
und Mißstimmung ist noch keine Spur zu sehen. Im Gegentheil, man lacht und singt und
die Avantgarde „musicirt" vielleicht sogar, denn ohne Guitarre und Zugharmonika gibt
es keine echte und rechte bürgerliche Wiener Landpartie. Die Jungen sind bepackt mit
Bündeln, Taschen und Körben, gefüllt mit Eßwaaren, oder sie haben auch den kleinsten
Nachwuchs zu schleppen oder zu „radeln", bei welch letzterer Transportart nicht selten ein
vierfüßiger Köter Assistenz leistet. Ist ein schattiger Punkt erreicht, so lagert sich die Gesellschaft
zur kurzen Rast im Grase, nimmt von den Vorräthen einen kleinen Interims-Imbiß
und zottelt dann wieder frisch und munter weiter. Am Hauptziele angelangt und nachdem
der passendste, ungestörteste Fleck für die Gesammtniederlassung gefunden, beginnt das
eigentliche Fest des Tages: das Mahl im Freien! Wie da jeder Bissen, jeder Schluck
doppelt mundet, wie es aus allen Augen so freudig leuchtet und selbst die geplagtesten
aller irdischen Geschöpfe, Magd und Lehrjunge — die Welt schön zu finden meinen! In
Scherz und Spiel entschwindet die übrige Zeit, und geht's bei Sternenschein nach Hause,