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Full text: Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild, 1. Abtheilung: Wien

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aber kunstvollen Tanzweisen sang. Die Lieder in der Manier Neidharts dauerten bis ins 
XIV. Jahrhundert fort, wurden immer gröber und unfläthiger und zeigen uns, wie 
allgemach der derbe und drastische Effect an die Stelle des durch Walther repräsentirten 
idealen Stiles tritt. 
Ganz dieselbe Wandlung machte aber auch das Epos in Niederösterreich durch. 
Auch hier hatte man sich der einseitigen Richtung des höfischen Romanes verschlossen, das 
Volksepos wie die volksthümliche Lyrik war realistischer, als die höfische Kunst. Nachdem 
zuvor ein Laie, Konrad von Fussesbrunnen, den Stil des höfischen Epos auf geistliche 
Gegenstände anzuwenden versucht hatte, erschien — erst in den Zwanziger-Jahren — ein 
Ritterroman des Strickers: „Daniel von Blnmenthal", und selbst dieser weicht stark nach 
der Seite des volksthümlichen Epos aus. Als derselbe Verfasser wieder einen ritterlichen 
Stoff behandeln wollte, griff er zurück in das XII. Jahrhundert und überarbeitete das 
Rolandslied des Pfaffen Konrad. Seine Stärke fühlte er aber erst, als er zum Theile 
uralte, in allen europäischen Literaturen verbreitete Stoffe in der Form des Schwankes, 
der Novelle oder der Fabel behandelte. Auf dem Gebiete der drastischen Darstellung fft der 
Stricker ein Meister seiner Kunst und Jahrhunderte lang ist die epische Erzählung m 
Österreich, von technischen Fortschritten abgesehen, auf dem Punkte stehen geblieben, auf 
welchen er sie gestellt hatte. Wie Neidhart, so lebte auch sein „Pfaffe Anus" nnt seinen 
Schwänken bis ins XIV. Jahrhundert fort, wo ihn der Wiener Philipp Frankfurter unter 
dem Namen des „Pfaffen vom Kahlenberg" weiterschickte, bis er sich endlich un Eulensplegel 
verlor Schon bei dem Stricker beginnen auch die Klagen um den Verfall der höfischen 
Kunst und Sitte; ein Nachfolger am Ende des Jahrhunderts, der Wiener Bürger Jansen 
Enenkel, wirft in seinem „Fürstenbuch" bereits einen sehnsüchtigen Blick auf die glanzvolle 
Zeit des Babenberg'schen Hofes zurück. Und während Wien in Schwänken wie der 
„Wiener Meerfahrt" als der Sitz einer lebenslustigen, zechfrohen Bürgerschaft ei scheint, 
entwerfen Konrad von Haslan und der sogenannte Seifried Helbling satirische Local 
schilderungen zwar in verwilderter Form, aber voll unmittelbaren Lebens und drastischer 
Wirkung Das Satirische und Anekdotenhafte dringt nach und nach m alle Dichtungs 
gattungen ein, es raubt nicht nur in Enenkels Weltchronik und Fürstenbnch der Geschichte 
an Boden, in den Dichtungen eines Wiener Arztes, Heinrich von Neuenstadt, stiehlt es 
sich auch in den ernsteren Roman und in die geistliche Dichtung ein. Und wo es, wie m 
dem Kreuziger" eines Ausländers, des Johanniters Johann von Frankenstein, gänzlich 
fehlt," da hat die Dichtung ihre beste Kraft, das Talent für realistische und drastische 
Darstellung, eingebüßt. , 
Diese Wendung zur realistischen Darstellung des Wirklichen, Gegenwärtigen und 
Prosaischen verkündet uns bereits den Übergang von der inittelalterlichen Dichtung zur 
Wien und Niederösterreich.
	        
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